Von Denise Bucher

Das Magazin N°15 – 15. April 2017

Wenn Steff Gruber erzählt, erzählt er mit seinem ganzen Körper. Eine Anekdote führt zur nächsten, eine ist verrückter als die andere. Werner Herzog kommt vor und Klaus Kinski, Lou Reed und Laurie Anderson. Zürich, New York, Bangkok. Flugbrevets und Funktechnik. Wenn man Gruber zuhört, kommt einem sein Leben vor wie eine rasante Fahrt im Cabrio, in seinen langen wehenden Haaren verfangen sich die Ideen wie Mücken. Alle stechen ihn, und die, die am längsten juckt, setzt er um in einem Film. Denn Filme zu machen ist Grubers Leidenschaft.

Jetzt sitzt der rastlose 64-Jährige in seinem Büro an der Hafnerstrasse in Zürich, ein Bein hat er auf den schwarzen Stuhl hochgezogen, unsicher, ob er sich aufregen oder es akzeptieren soll, dass er mit seiner Kunst immer wieder aneckt. «Ich wusste ja, dass ich scheitern würde mit ‹Passion Despair›, aber ich musste den Film trotzdem machen», sagt er. «Als Altachtundsechziger bin ich es gewohnt, alles zu hinterfragen. Ich kenne nicht alle Antworten schon im Voraus.»

«Passion Despair» heisst sein Dokumentarfilm von 2011 über einen pädophilen Schweizer Fotografen in Moldawien. Er wurde nie gezeigt in der Schweiz, weder im Kino noch im Fernsehen. SRF weigerte sich, ihn auszustrahlen – «weil man am Ende nicht sieht, wie dieser Grüsel verhaftet wird», zitiert Gruber aus dem Gedächtnis die Begründung des damals zuständigen Sendergremiums. Der Zürcher Filmverleih Filmcoopi lehnte «Passion Despair» unbesehen ab. Zwar sei man mit dem Regisseur seit Jahren verbunden, sagt deren Geschäftsleiter Felix Hächler, und man gehe auch mal ein Risiko ein. Doch für dieses Thema «konnte sich in unserem Team niemand auch nur annähernd erwärmen, geschweige denn begeistern», was bei heissen Eisen absolute Voraussetzung sei, wie er sagt. Mit diesem Desinteresse – vielleicht ein anderes Wort für Angst vor einem Skandal – hat die Filmcoopi das Publikum um eine cineastische Extremerfahrung gebracht.

«Vielleicht hätte ich mich anpassen sollen», sagt Gruber, der Kompromisslose. «Ich wollte nicht einsehen, dass meine Art von Film hier nicht funktioniert. Obwohl ich unter Druck stand, wollte ich nicht, dass man mich lehrt, wie man Filme macht. Bei Focal zum Beispiel, der ‹Weiterbildungsstätte für Film- und Audiovisionsschaffende›, da wissen sie anscheinend, wie es geht. Aber ich will keine uniformen Filme nach Lehrbuch drehen.»

Steff Gruber hätte sich mehr künstlerische Freiheit gewünscht – «dass man bei den Förderstellen sagt: ‹Ja, das ist schräg, aber gerade darum geben wir dir Geld.› Aber so was ist in diesem Land nicht möglich.» Ginge es nach ihm, sollte im Film wieder mehr Unberechenbarkeit möglich sein.

Seine Filme haben nichts zu tun mit dem Schweizer Film, den man sonst so oft sieht – und beklagt. Seine Werke sind ehrlich und darum unbequem. Er ist kein Gschichtli-Erzähler, hält nichts davon, dem Zuschauer die Welt zu erklären und eine Moral von der Geschichte mitzuservieren. Lieber überlässt er das Publikum sich selbst und bringt es so auch mal an seine Grenzen: weil der Inhalt seiner Filme irritiert, aufregt, auch abstösst, aber auch zum Denken und Diskutieren anregt. Kämen solche Experimente, wie Gruber sie macht, aus einem anderen Land, hiesse es: Jaja, die Tabubrecher aus Dänemark oder Belgien oder Griechenland, die könnens halt. In der Schweiz denkt man über Tabus lieber nach, statt sie zu brechen, und nennt einen wie Gruber deshalb Freak.

Er selbst wäre gern der Jim Jarmusch oder der Lars von Trier der Schweiz, sagt er. Stattdessen ist Gruber sich selbst geblieben und hat in den 1970er-Jahren das Genre der Doku-Fiction mitbegründet. Neben den deutschen Regisseuren Wim Wenders und Rudolf Thome. Wie diese, so fand auch Gruber die damalige Forderung unsinnig, dass eine persönliche Perspektive im Dokumentarfilm tabu sein müsse. Sie alle hielten Objektivität im Dokumentarfilm für unmöglich und begannen damit zu experimentieren. 1985 bekam Gruber in Locarno prompt einen Preis dafür, und zwar für «Fetish & Dreams», eine Nahaufnahme der Singleszene im New York der 1980er-Jahre. Darin, wie auch in seinem Erstling «Moon in Taurus» von 1980, habe er «die Verquickung von Autobiografie und Fantasie, von Dokumentarfilm und Fiktion zu seinem stilprägenden Markenzeichen gemacht», schrieb die NZZ 1987. Vielen galt Steff Gruber damals als junge Hoffnung des Schweizer Films.

Die Realität als Kulisse

Heute nennt Gruber seine Filme «Personal Films». Er bezeichnet die Wirklichkeit als seine Souffleuse, reichert deren Flüstern aber mit Fiktivem an: Wenn jemand nicht im Film auftreten möchte, greift Gruber auf Schauspieler zurück. Oder wenn sich der reale Ablauf von Ereignissen als zu wenig drehbuchtauglich erweist, dann verändert er die Dramaturgie. Gruber treibt die Beweisführung dafür, dass Objektivität im Dokumentarfilm unmöglich sei, auf die Spitze: Die Realität bildet immer die Kulisse, auch wenn sich manche der Figuren sehr frei darin bewegen. Dieses Vorgehen ist raffiniert. Obwohl man weiss, dass man es mit einem Hybrid aus Realität und Fiktion zu tun hat, akzeptiert man das Gesehene weder als fiktiv, noch traut man dem Dokumentarischen ganz. Das erzwingt grosse Aufmerksamkeit, erzeugt aber auch Skepsis. Während man als Zuschauer seine eigene Geschichte konstruiert, spinnt Gruber, der Gerissene, sein Netz weiter. Interessanterweise wirken Grubers Filme aber – anders etwa als die Biografiefilme eines Oliver Stone – nicht übertrieben oder unglaubwürdig.

Gruber bezeichnet die Wirklichkeit als seine Souffleuse, reichert sie aber mit Fiktivem an. Objektivität im Dokfilm hält er für unmöglich.

Sein Tontechniker Jürg von Allmen spricht von Gruber als «schillernder Figur: Ich bewundere seine Antriebskraft.» Die Kritiker dagegen schimpfen Gruber einen Narzissten, weil er in den früheren Filmen stets selbst mitspielte. «Location Africa» handelt von Gruber, der sein Vorbild Werner Herzog beim Dreh zu «Cobra verde» mit Klaus Kinski beobachtet. In «Moon in Taurus» und «Fetish & Dreams» sieht man Gruber auf einer Reise und auf der Suche nach einer Frau. Mit der einen hat er zusammengelebt, von der anderen kennt er bloss den Vornamen. «Pfff, der mit seiner roten Wallemähne», erinnern sich viele, sobald sein Name fällt. Gruber fragt: «Wirft man einem Schriftsteller Narzissmus vor, nur weil er aus der Ich-Perspektive schreibt?»

Seine Fans lieben Steff Gruber für seine Radikalität, müssen aber jedes Mal lange auf seinen nächsten Film warten. Das liegt unter anderem daran, dass er seine Arbeit zum Grossteil selbst finanzieren muss. Und zwar mit Erfindungen. «Ich arbeite wie verrückt und habe Glück! – Holz aalange!» Er bückt sich, um auf die Dielen zu klopfen.

Seinen neusten Film, «Fire Fire Desire», der von Sextourismus in Südostasien handelt, hat er mit dem Verkauf von Domainnamen finanziert. Er denkt sich Namen aus, reserviert sich die Internetadresse dazu und verkauft sie, sobald ein Konzern Bedarf hat. «XBox» ist von ihm und ging für einen grossen Betrag an Microsoft. «Love-it» hat ihm Linkedin abgekauft. Ohne diese Summen gäbe es seine Filme nicht. Aber ohne seine Filme käme er auch nicht auf solche Ideen. Denn Steff Gruber hat ein Problem: «Sobald ich mit einem Film fertig bin, kommt die Angst.» Er sieht plötzlich angespannt aus, weiss nicht, wohin er blicken soll. «Ich kann mit Erfolg genauso wenig umgehen wie mit Misserfolg. Darum stürze ich mich in die Arbeit.»

Experimente im Cyberspace

In den 1970er-Jahren erkundete der Technikbesessene den damals noch kaum vorhandenen Cyberspace zwischen Bund-, Militär- und Universitätsservern. Ihm gelang es als einem der Ersten europaweit, Computer miteinander zu vernetzen. Das Resultat seiner Experimente nennen wir heute Internet. Wegen seiner Grundangst und angetrieben von seiner nie nachlassenden Rastlosigkeit machte Steff Gruber gleich mehrere Flugbrevets. Von einem der Ausweise blickt einem mit skeptischem Blick ein Mann mit roten Haaren entgegen. Heute schimmern Grubers Locken silbrig.

1976 gründete er die Kulturwerbe-Firma Alive, die ihn bis heute ernährt. Seit 2008 ist er Geschäftsführer der Produktionsfirma Kino.net AG. Nach Abschluss der Dreharbeiten von «Fire Fire Desire» hat der Mann, der die Schule für Gestaltung, aber keine Matura gemacht hat, Physik auf Hochschulniveau gebüffelt. «Dann denkst du nicht an die 3000 Stunden, die du in einen Film investiert hast, den niemand sehen will oder der überall aneckt, weil er gegen die Political Correctness verstösst», sagt er. Alle Prüfungen, die er zusammen mit einem Doktor der Physik und einem Maschineningenieur mit ETH-Abschluss beim Bundesamt für Kommunikation ablegte, hat er auf Anhieb bestanden. Gruber will die drahtlose Kommunikation zwischen elektronischen Geräten ergründen. «Das ist ein weites Feld, wo es noch viel zu erforschen und zu entdecken gilt!» Der Erfinder wittert Möglichkeiten.

Obwohl er die Technik liebt, arbeitet Gruber als Regisseur mit einfachen Mitteln und kleinem Team. Beim Dreh von «Fire Fire Desire» war er Kameramann, Tonmann, Autor und Produzent – aus finanziellen Gründen und weil er mit auffälligem Equipment nicht hätte arbeiten können. Sie drehten in Kambodscha, wo es keine offiziellen Drehgenehmigungen gibt. «Es sei denn, du bezahlst mehrere Zehntausend Dollar, legst ein Drehbuch vor, das in Khmer verfasst ist und nicht von Prostitution, Politik oder Sextourismus handelt», sagt er und rutscht wieder nervös auf dem Sessel hin und her.

Um bei der Arbeit möglichst unsichtbar zu sein, setzte Gruber auf eine Mini-Handycam von Sony. Manche der Sondergenehmigungen – eine bei der Bahn, eine für Szenen auf einem Flugplatz – hat er sich erschwatzt. Darin ist er gut. Er zermürbt Gegner genauso leicht durchs Reden, wie er neue Bekanntschaften schliesst.

Darum kennt Steff Gruber privat Persönlichkeiten, von denen andere höchstens Poster im Zimmer hängen haben: Ende der 1970er-Jahre begleitete er Lou Reed auf einer Europatournee. Er war sein Stage Manager, sein persönlicher Begleiter, besorgte ihm Essen, richtete seine Garderobe her. «Lou war ein sehr höflicher Mensch», sagt Steff. Zur gleichen Zeit lernte er über einen Schweizer Freund Katie Meister kennen, die Frau, die damals für Martin Scorsese und Woody Allen die wissenschaftlichen Recherchen erledigte. Als Katie Meister ihren vierzigsten Geburtstag feierte, setzte sie Gruber an  Laurie Andersons Tisch. Er solle sie selber fragen, ob sie ihm diesen einen Song für «Fetish & Dreams» zur Verfügung stelle, den er haben wollte. «Ich besuchte sie dann ab und zu im Atelier. Aber wir wurden uns nicht einig, und irgendwann bin ich davongelaufen.» Beim Drehen mit Werner Herzog lernte er Klaus Kinski kennen. «Von ihm konnte man alles über Kameratechnik erfahren», sagt Gruber.

UN-Truppen und Sextouristen

In «Fire Fire Desire» – den man dank eines mutigen Verleihers hoffentlich bald zu sehen bekommen wird – erzählt Gruber wieder von selbst Erlebtem, das er wiederum mit Fiktivem anreichert. Aber anders als früher ist er jetzt nicht mehr im Film zu sehen. Nur seine Stimme ist aus dem Off zu hören.

Die Prämisse ist ganz ähnlich wie in «Moon in Taurus» und «Fetish & Dreams», aber der Ort ein anderer: Gruber und sein Filmteam sind auf der Suche nach einer Frau namens Malee, in die er sich als junger Mann in Thailand verliebt hatte. Jahre später, so hört man ihn im Film erzählen, geriet ihm in Zürich ein Werbefilm für Sextourismus in die Hände. Entsetzt glaubt er, Malee darin wiederzuerkennen, und beschliesst herauszufinden, ob sie es wirklich ist. Also reist er mit seinem Filmteam an sein früheres Ferienziel zurück, um Malee zu suchen. Man sieht Expats, die ihm bei der Spurensuche helfen; die Männer waren vor Jahren als Sextouristen gekommen und sind geblieben. Als einer sich tatsächlich an Malee erinnert, gerät der Erzähler auf die Spur von «Roman Guy», einem gefährlichen Zuhälter. Er stellt sich als der Urheber des Werbevideos heraus. Es geht das Gerücht, er habe Asien schon vor Jahren verlassen, nachdem ein Mädchen bei Dreharbeiten umgekommen sei. Aber der Erzähler glaubt das nicht. Er sucht weiter nach Malee und landet am Ende mitten in Kambodschas Dschungel.

Dieser Film ist mehr als der Bericht einer persönlich gefärbten Erinnerung. Er ist ein packendes und irritierendes Lehrstück über Wesen und Geschichte des Sextourismus. Gruber verwebt Interviewaufnahmen von jenen Expats und kambodschanischen Frauen mit Footage-Material aus den 1990er-Jahren. Damals waren UNTAC-Truppen in Kambodscha stationiert, um die Wiederherstellung der zivilen Ordnung nach der Herrschaft der Roten Khmer zu sichern. «Deren Anwesenheit sorgte für eine Hochblüte der Prostitution. Auf 100 000 Soldaten kamen 1.5 Millionen Frauen!», ruft Gruber aus. Er zeichnet in seinem Film fein schraffierte Porträts von groben Typen und von mal zynischen, mal verletzlichen Frauen. Er erzählt vom kulturellen Wandel des Dreiländerecks Laos, Kambodscha und Thailand, damals Traumdestination für emotional wie sexuell ausgehungerte Westler und heute ein Hort für Hoffnungslose.

Die Montage in «Fire Fire Desire» ist hervorragend. «Das verdanke ich meiner Cutterin Diana Bärmann.» Der Humor ist subtil, die Geschichte – so abstossend man die Thematik finden mag – ist geprägt von Melancholie und geht dem Zuschauer nah. Auf der Ebene des Dokumentarischen erzählt Gruber vom Business des Sextourismus. Auf einer höheren Ebene geht es um verlorene Träume, um enttäuschte Liebe und das Altern. Nein, er sei damals nicht als Sextourist dort gewesen, als er die echte Malee kennen lernte, beantwortet Gruber die sich aufdrängende Frage – der Sextourismus fasziniere ihn als Thema. Wie überhaupt alles Erotische. Ein breites Regal in seinem Büro ist bis zur Decke mit Büchern zum Thema vollgestellt. Zwischen den Kinsey-Reports oder Marquis de Sades «Justine» entdeckt man allenfalls da und dort eine Musikerbiografie oder einen Kunstband.

Schöne Lügen

«Ich habe bei den Dreharbeiten zu ‹Fire Fire Desire› viel über Sextourismus gelernt und einige Vorurteile aufgeben müssen», sagt Gruber. Das leistet sein Film auch beim Zuschauer. Die stärksten Momente sind die, wenn er den Blick freigibt auf das Menschliche in den Freiern und Frauen, auf das Verletzliche, Witzige, Desillusionierte in ihnen. «Ich ging mit der Idee los, dass die Typen in diesen Bars lauter so Dicke und Gruusige seien, die die Frauen ausnützen. Klar, gibt es die auch. Aber viele sind verliebt! Was die mir alles erzählt haben!» Er verwirft die Hände, sein Sessel ächzt. «Die kamen wegen emotionaler Vernachlässigung hierher, die hatten die Hölle zu Hause, einen fürchterlichen Job, kaum Geld, die Ehefrauen wollen schon lange nichts mehr von ihnen wissen. Und dann sagen die Frauen hier plötzlich, sie hätten dich gern.» Dass das oft Lügen sind, sei ihnen egal. Und es gebe tatsächlich auch Liebespaare. «Lakhena, eine meiner Darstellerinnen, hat ihren Märchenprinzen gefunden und lebt heute bei ihm in Wiesbaden.»

Natürlich würden die Frauen nicht freiwillig Nacht für Nacht mit Fremden mitgehen. Die Armut zwinge sie dazu. «Sie suchen nach Männern, die sie da rausholen. Sie sind, kaum gebildet, zum Arbeiten in einer Fabrik verdammt. Da ist die Prostitution die bessere Perspektive.» Ausserdem könnten viele mit ihren Landsmännern nichts anfangen, sie hätten es ihm oft genug erzählt: «Die geben den Patriarchen, sind faul und behandeln sie wie Dreck. Darum gehen die Frauen mit Westlern mit. Bis sie glauben, den Richtigen gefunden zu haben.» Ein derartiger Frauenmarkt, von dem alte Videos zeugen, existiert heute nicht mehr. «Aber natürlich gibt es immer noch Bösewichte, die Frauen ausnützen.»

Der Bösewicht im Film ist eine fiktive Figur. Einen echten zu zeigen, sei nicht nötig gewesen. Die Aussagen der Frauen lassen deutlich genug darauf schliessen, dass es reale Männer gibt, die sie schlecht behandeln.

Bis «Fire Fire Desire» fertig war, dauerte es sechs Jahre. Nicht nur wegen der Finanzierung, auch weil Steff Gruber arbeitet, wie er spricht: Er fängt an einem Punkt an, verfolgt jede dramaturgische Spur weiter, bis sie erschöpft ist, zweigt so oft ab, bis er auf den ursprünglichen Gedanken zurückkommt. Er verfertigt seine Gedanken beim Reden, seine Filme beim Drehen. Gruber greift zu Papier und Stift: «Man muss sich das so vorstellen», sagt er und beginnt vom unteren Rand nach oben feine Linien zu ziehen. Die verzweigen sich immer weiter, bis ein Baum entsteht. «Irgendwann beginnen die Äste einander zu berühren. Dann weiss ich: Das ist es.»

Steff Gruber ist eine Ausnahmeerscheinung im Schweizer Filmschaffen. Er macht Filme über das, was ihn interessiert, egal, wie tabuisiert die Themen sind. Kein Wunder, kennen seine Filme in der Schweiz nur wenige. Während der letzten zwei Jahre hat der Filmer und Funker am Aufbau eines Radiosenders im Südchinesischen Meer gearbeitet. Die Idee für den nächsten Film hat er bereits im Kopf: Es wird ein Musikfilm sein, der in Afrika spielt. Und er weiss auch schon, womit er sich von seinen Ängsten ablenken wird, wenn er damit fertig ist: Gruber hat sich mit zwei Physikern zusammengetan und die Gesellschaft WaveFactory gegründet. Sie wollen die interkontinentale Telekommunikation verbessern und darum mittels Radiowellen die solare Einstrahlung in die Ionosphäre erforschen. Und dann?

Niemand wäre überrascht, wenn Gruber eines Tages noch Astronaut wird und auf dem Mond dreht.  

Der Fotograf Maurice Haas lebt in Zürich