Was heisst Sonnenuntergang auf Finnisch? Genau:Hell-sinki.

20 todernste Fragen an einen Finnen.

Von Mikael Krogerus

Et Cetera N°13 – 22. April 2017

1  —  Finnland wird in diesem Jahr 100, gratuliere – aber was wart ihr vor 1917?

650 Jahre Teil des schwedischen Königreichs, danach 100 Jahre Teil des Zarenreichs. Die Überbleibsel: Schwedisch ist die zweite Amtssprache, und Helsinki sieht stellenweise aus wie St. Petersburg.

2 —  Ist der Finne mental näher bei den Schweden oder bei den Russen?

Vom Gemüt her wohl näher bei den Russen, auch wenn Finnen eher nach Schweden auswandern würden, als dies zuzugeben. Die lang gepflegte Rivalität mit den Schweden hat sich langsam auserzählt, man schlägt sie gern im Eishockey, stimmt aber für sie beim Eurovision Song Contest.

3 —  Warum haben Finnen – sie leben im Dunkeln am Ende der Welt – eigentlich einen so guten Sinn für das Schöne (Mode, Möbel, Architektur)?

Liegts an der Erziehung? Schon als  Kind ist man umgeben von schönen Dingen, denn Designobjekte sind in Finnland Gebrauchsgegenstände und nicht Statussymbole. Design ist hier kein Statement, sondern Alltag. Ganz so, wie in England auch noch der dumpfeste Fussballfan ein erstaunlich feinsinniges Gespür für Humor haben kann, findet man in Finnland selbst in den runtergerocktesten Männerwohnheimen noch Marimekko-Handtücher, Finlayson-Bettwäsche, Iittala-Gläser oder Aalto-Vasen.

4  —  Woran erkenne ich, ob mein dreibeiniger Küchenhocker ein echter Artek Stool 60 von Alvar Aalto ist oder bloss ein billiges Imitat?

Einen echten Aalto-Hocker identifiziert man am besten an der exzentrischen Anordnung der Schrauben an der Unterseite des Hockers. Sie wurde seit der ersten Produktion 1933 nicht verändert.

5  —  Was sind die drei besten finnischen Erfindungen?

1. Der Geschirrabtropfschrank: Er wurde in den 1940er-Jahren von Maiju Gebhard erdacht. Heute haben ihn ausnahmslos alle finnischen Küchen. Und jeder Finne im Ausland leidet unter der Leerstelle oberhalb der Spüle. 2. Das Mobiltelefon: 1917 liess ein finnischer Erfinder namens Eric Tigerstedt eine Idee patentieren, die er «Taschenformat-Klapptelefon mit sehr dünnem Kohlenstoff-Mikrofon» nannte. (Auch die SMS, dies nur am Rande, wurde 1984 von einem Finnen erfunden.) 3. Die Gleichberechtigung – Finnland war weltweit das zweite Land (nach Neuseeland), das das Frauenwahlrecht einführte, und ist stets unter den Top 3 im «Global Gender Gap Report». Frauen und Männer arbeiten in der Regel 100 Prozent, seit 1973 ist die Betreuung von Kindern im Vorschulalter gesetzlich garantiert, und in jeder Schule ist das Mittagessen inklusive.

6  —  Wie viele Liter Filterkaffee trinkt ein Finne, damit er schlafen kann?

Finnland ist Tabellenerster im Kaffeekonsum, wobei man wissen muss, was da eimerweise getrunken wird: eine Plörre, gegen die jeder Schweizer Tankstellenkaffee wie ein Espresso vom Barista schmeckt.

7  —  Welche Benimmregeln gelten in der finnischen Sauna?

1. Mach einen Aufguss. Und dann noch einen. Aufgüsse – finnisch löyly – kommen im Minutentakt und sollten unbarmherzig sein wie eine zwinglianische Predigt. Wenn Leute auf der obersten Reihe anfangen, sich über die niedrige Temperatur zu beschweren, weisst du, dass du es richtig machst. 2. Mach das Maul auf. Paradoxerweise ist die Sauna der Ort, an dem Finnen, auch mit Fremden, sofort ins Gespräch kommen. Das ätherische Geschweige mitteleuropäischer Spas ist Finnen höchst suspekt.

8  —  Warum verweigert die Academy Kaurismäki einen Oscar?

Kaurismäki-Filme, das sind stumme Leute, gefangen im Bermudadreieck der Arbeiterklasse: Fabrik, Familie und die nächste Kneipe – vielleicht geht es der Oscar Academy ähnlich wie manchen Finnen, die ihrem Hausregisseur gern zurufen würden: Mach mal was anderes, Aki, muss nicht besser sein, nur anders.

9  —  Wirklich wahr, dass «Angry Birds» finnisch ist?

Ja, «Clash of Clans» auch.

10  —  Alkohol und Finnen – habt ihr da nun ein Problem oder nicht?

Finnen haben eine etwas neurotische Beziehung zum Alkohol. Auch wenn sich in urbaneren Gebieten eine Connaisseur-Kultur durchgesetzt hat, in der es durchaus vorkommt, dass man beim Nachtessen gesittet zwei Gläser Wein trinkt, ohne gleich die Schnapsflasche unter der Spüle hervorzuholen, so gilt doch: Man trinkt wegen der Wirkung. Es gibt viele Thesen, warum das so ist. Das Wetter, das fehlende Licht, das bäuerliche Wesen, ein Kriegstrauma. Die Geschichte des finnischen Saufens beginnt im späten 16. Jahrhundert. Die Finnen, damals ein Teil des schwedischen Königreiches, hielten Schnaps für ein Wunderheilmittel, mit dem man allerlei Beschwerden lindern könnte. Sie brannten ihren Schnaps selbst. Die Sache artete aus. 

1 1 —  Und warum kann man in Finnland Alkohol nur in staatlichen Läden kaufen?

Anfang des 18. Jahrhunderts hatte das finanziell unter Druck geratene schwedische Königshaus begonnen, den Alkoholkonsum in den finnischen Städten zu besteuern. Bis heute kann man Alkohol nur in den Läden der Oy Alkoholiliike Ab, kurz: Alko, und nur Montag bis Freitag von 9 bis 20 Uhr und samstags zwischen 9 und 18 Uhr kaufen. Man muss sich den finnischen Staat wie einen Dealer mit gesellschaftlicher Verantwortung vorstellen: Einerseits will man den Alkoholkonsum eindämmen wegen der gesundheitlichen Folgen und des miesen Säufer-Images. Andererseits verdient der Staat über die Steuer am Konsum.

12  —  Korrekte Information, dass die Finnen den Molotowcocktail erfanden?

Ja, und das kam so: Im Winter 1939 überfiel die Sowjetunion Finnland im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts. Die Finnen, unvorbereitet und schlecht ausgerüstet, stellten sich dem Erzfeind auf Skiern entgegen. Weil ihnen Panzerfäuste fehlten, bastelten sie Wurfbrandsätze aus Flaschen, gefüllt mit leicht entzündlichen Flüssigkeiten, und nannten sie nach dem damaligen sowjetischen Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten «Molotow-Cocktails». Der finnische Alkoholmonopolist Alko übernahm die Produktion und lieferte im Laufe des Winterkrieges über 450 000 Stück an die Front.

13  —  Welches war das erste Buch überhaupt, das ein finnischer Autor schrieb?

«Die sieben Brüder» von Aleksis Kivi im Jahr 1870. Als der Vater der sieben Brüder stirbt (die Mutter ist bereits tot), entscheiden sich die Jungs, den Hof aufzugeben und im Wald als freie Menschen zu leben. Nach zehn Jahren kehren sie zurück, gedemütigt, aber gereift, und führen fortan ein geregeltes Leben. Setting (auf dem Lande), Sprache (volksnah) und Personal (Dickköpfe) wurden Vorbild für Generationen finnischer Schriftsteller. Seit Aleksis Kivi ist der Held in finnischen Romanen ein einfacher, schweigsamer Mensch vom Lande und nicht ein an sich selbst leidender Grossstadtbewohner. «Einfach» bedeutet in Finnland nicht «tölpelhaft», sondern «schlau».

14 —  Wie sehr schmerzt es, dass Nokia nicht mehr Weltmarktführer ist?

Nächste Frage.

15 —  Hier ein Finnenwitz: «Wie heisst Sonnenuntergang auf Finnisch? Hell-sinki!» Gibt es noch bessere?

Ja: «Hast du von dem Mann aus Kemijärvi gehört, der seine Frau so sehr liebte, dass er es ihr fast gesagt hätte?»

16  —  Immer top bei Pisa – wie macht ihr das?

Neben der wenig schmeichelhaften Tatsache, dass Finnland schlicht weniger Migration hatte als mitteleuropäische Länder, hier die Coca-Cola-Formel der Bildung: Eingeschult wird erst mit sieben, alle Schulen sind Gesamtschulen, es gibt wenige Hausaufgaben, dafür viele Sozialarbeiter an den Schulen, der Lehrerberuf ist attraktiv (jährlich werden nur die besten 10 Prozent der Bewerber für die Lehrerausbildung angenommen).

17  —  Wer sind die bekanntesten lebenden Finnen?

Esa-Pekka Salonen, ein Dirigent, und Kimi Räikkönen, ein Formel-1-Fahrer. Was gut das etwas erratische Interessenspektrum der Finnen abbildet.

18  —  Die Schweiz hat Heidi, Schweden hat Pippi – wen habt ihr?

Die Mumins von Tove Jansson. Die verzaubernde Geschichte von einer  menschlichen Trollfamilie, die im Mumintal lebt, einem wundervollen Ort, an dem man sich frei und geborgen zugleich fühlt. Wenn finnische Kinder nachts von Albträumen geplagt werden, imaginieren sie das Mumintal, wenn erwachsene Finnen mit dem Leben hadern, auch.

19  —  Droht Finnair ein ähnliches Schicksal wie der Swissair?

Finnair hat vor einigen Jahren durch einen cleveren Schachzug die Kohlen aus dem Feuer geholt: Der Helsinki Airport (HEL) wurde neu positioniert als Drehscheibe für den Flugverkehr von und nach Fernost. Ein guter Slogan wäre gewesen: «Highway to HEL».

20 —  Wir kennen French parenting, wie geht Finnish parenting?

Das Kollektiv ist wichtiger als der Einzelne. Man ist einer unter vielen und lernt elementare Dinge wie: Kompromisse finden, Nischen finden, Freunde finden. Die Eltern sieht man eher selten, und wenn, hält man sich an ihre Ansagen. Während der Autofahrt ein Theater machen? Eher nicht. Kein Gemüse mögen? Absurd. Wenn man finnische Kindheit in einem Satz zusammenfassen müsste, könnte man sagen: Du wirst geliebt, stehst aber nicht im Mittelpunkt. Die raumgreifende Ichversautheit mitteleuropäischer Kinder befremdet viele Finnen; Eltern, die sich über ihre Kinder definieren, auch.