Von Zora del Buono

Das Magazin N°18– 6. Mai 2017

Fragen an Sie (und an mich): Sind Sie zur Hingabe fähig? Wenn ja, wem oder was haben Sie sich zuletzt hingegeben? Ist die Erinnerung daran mit Scham verbunden? Falls Sie zur Hingabe nicht fähig oder willens sind, vermissen Sie etwas? Grundsätzlich: Ist Hingabe für Sie positiv oder negativ besetzt? Erwartet man im Allgemeinen, dass Frauen sich mehr hingeben als Männer? Wenn ja, warum? Und was eigentlich ist Hingabe?
«Bhakti-Yoga!», sagt Mitbewohnerin A.
«Grässliches Wort. Ich gebe mich nichts und niemandem hin», sagt Freundin B.
«Bevor du über Hingabe schreibst, musst du lesen, und zwar ‹Die Gabe› von Marcel Mauss», sagt Mitbewohner C.
Doch bevor ich lese, betrachte ich. Nämlich die Vulva einer Frau, die möglicherweise Joanna hiess und Irin war. Blasse, samtene Haut, dunkles, dichtes Schamhaar, vorwitzige Schamlippen, die einem zuzuzwinkern scheinen. Sie liegt so aufreizend da, dass man ihr Geschlecht studieren muss, nicht nur ich, auch der Japaner neben mir tut es, mit heimlich gezückter Kamera. Gustave Courbet wollte den Skandal, als er 1866 «L’origine du monde» malte und das nackte Modell zur zweitberühmtesten Frau von ganz Paris machte, die erst nur Auserwählte betrachten konnten – und mittlerweile die ganze Welt. Wo Leonardo da Vinci aufhörte, fing Courbet gewissermassen an; Gesicht zeigt seine Nackte nicht, denn ihm ging es nur um eines: ihre Scham – derer sie sich nicht schämt (so wurde das Private politisch, hundert Jahre vor der Frauenbewegung). Sie, von der es heisst, dass sie vielleicht die rothaarige Künstlermuse Joanna Hiffernan war, hat sich dem Maler und seiner Arbeit hingegeben, man könnte sagen: der grösseren Sache, dem Bruch des Tabus. Obwohl Hingabe eine aktive Handlung ist – denn man wird nicht hingegeben, sondern gibt sich selber hin, geht fort von dort, wo man war und wo nun eine Leerstelle klafft (wer sich hingibt, wird nie mehr so sein wie zuvor), geht hin zu etwas anderem –, benötigt sie innere Ruhe, benötigt sie Zeit. Hingabe ist nicht gleich Leidenschaft, dafür fehlt ihr das Dynamische.
Wie mag fiery Jo, die feurige Joanna, sich gefühlt haben, als sie über Stunden dalag und ihre leicht geöffnete chatte dem Malerfreund darbot, auf dass er sie der Welt präsentiere? Wenn man im Musée d’Orsay vor ihr steht und bedenkt, dass jährlich drei Millionen Menschen auf diese schöne Vulva starren, erkennt man ihre Verletzlichkeit, möchte sie beschützen vor derben Worten, die fallen könnten, und ich bin froh, dass der Japaner neben mir nur fotografiert und ansonsten schweigt (vielleicht atmet er etwas schwer). Verletzlichkeit ist Teil der Hingabe, ist das Risiko. Doch wahre Hingabe kalkuliert das Risiko nicht ein, denkt nicht in solchen Kategorien. Vertrauen allerdings macht die Sache leichter, ein geschützter Raum auch.
«So etwas wie die Scham vergessen», sagt der Tanzpartner.
«Der Moment für die Ewigkeit», sagt die Tischnachbarin.
«Selbstvergessenheit», sagt die Buchhändlerin.
La petite mort nennen die Franzosen den Orgasmus. Herrlich, wenn zwei Menschen ihre kleinen Tode gemeinsam erleben können, jeder dem anderen zugewandt und doch ganz bei sich, verschmolzen in radikaler Egozentrik, aber selbstvergessen. Es ist paradox, dass man ausgerechnet Selbstvergessenheit braucht, um sich zu spüren. Ohne Selbstvergessenheit keine Hingabe. Ohne Hingabe kein Orgasmus.
«Nun, zum ersten Male, seit ich die Planken betreten, überkam mich die heilige Lust des Träumens, und jene andere sinnlichere, meinen Körper weibisch hinzugeben an dieses Weiche, das mich umdrängte», liess Stefan Zweig seinen Protagonisten in «Der Amokläufer» von 1922 sagen. Weibisch hingeben will er sich also. Woran liegt es, dass die Hingabe ein der Frau zugeschriebenes Feld ist (Duden: sexuelles Sichhingeben der Frau), das sie mit Lust zu bestellen hat? Letzten Endes doch nur an der zarten chatte, die aufblüht, um zu empfangen und somit zu schenken, l’ origine du monde eben? «Nichts auf der Welt kommt der Hingabe einer verheirateten Frau gleich. Das ist etwas, wovon kein verheirateter Mann eine Ahnung hat», schrieb Oscar Wilde, der das Leben von allen Seiten betrachtet hatte, da verheiratet, zweifacher Vater und schwul. Dem Mann soll die Frau sich hingeben, der Liebe zu den Kindern, der Pflege der Eltern am besten auch. Der Arbeit oder einer Idee eher nicht. Nietzsche ging noch weiter, wenn er über die Liebe schrieb, die bei Frauen vollkommen und bedingungslos sei: «Gesetzt aber, dass es auch Männer geben sollte, denen ihrerseits das Verlangen nach vollkommner Hingebung nicht fremd ist, nun, so sind das eben – keine Männer.»
«Hingabe ist Loslassen des Egos», sagt der Coiffeur.
«Seelische Versenkung, wissend, dass man die Seile der Vernunft kappt», sagt Freund K.
«Kenne ich nur als Mutter. Bedingungslos», sagt Freundin H.
So landet man erst beim Altruismus. Und schliesslich bei Gott. Das arabische Wort Islām kann übersetzt werden mit Unterwerfung oder völlige Hingabe an Gott. Das hebräische Kawwana bezeichnet die meditative Versenkung im Gebet. Auch das Christentum kennt devotio – und der Katholizismus Devotionalien.
Neulich war ich in der Abtei Mariastein, einem Wallfahrtsort in Solothurn. Im Klosterladen Pilgerlaube kaufte ich für Mitbewohnerin A. (die Yoga-Frau) ein mit bunten Weihrauchbrocken gefülltes Reagenzglas, ich dachte, das freut sie, und es erschien mir passender als ein Kruzifix für den Schlüsselbund. Inmitten all dieser Devotionalien erinnerte ich mich an Kevelaer, einen berühmten Marienwallfahrtsort am Niederrhein, wo es 1642 zur ersten Wunderheilung gekommen war: Ein Gelähmter konnte wieder gehen. Heute pilgern 800 000 Menschen jährlich hin.
Es war kurz vor Weihnachten, auf den Dächern und Strassen lag frischer Schnee; ich kam an, als es bereits dunkel war, sakrale Klänge aus versteckten Lautsprechern hier und dort. Noch nie hatte ich solch einen Ort gesehen. Eine Kleinstadt, erhellt von Kerzenschein. Echte Kerzen, künstliche Kerzen. Funkelnde Rosenkränze. Angestrahlte Engel. Hunderte beleuchtete Marienstatuen in Schaufenstern, in Nischen, auf Mauern. Marien aus Holz, Plastik, Porzellan, mit und ohne Jesuskind. Auf Bechern, Tellern und Altarkerzen. Ein flammendes Bekenntnis zu Maria, zu Christus, zu Gott.
«Alle wahnsinnig», sagte mein Begleiter.
«Hör mir auf mit Hingabe, die endet doch in Selbstaufgabe», sagt Freundin C.
Viel Ambivalenz also, auch bei mir. Was aber tun, wenn man ein Bedürfnis nach Hingabe verspürt, welche über gelegentliche petites morts hinausgehen soll, man an Gott nicht glaubt (so wie ich), keine Kinder hat (so wie ich), Trancezustände mittels Drogen oder allerhand schamanischer Techniken scheut (so wie ich)? Versenkung in Arbeit finden, im Lesen oder Schreiben eines Textes, in einer Tätigkeit. Ich zum Beispiel tanze Blues. Blues ist ein langsamer und weicher Tanz, nicht viele kennen ihn. Wer in den frühen Morgenstunden in einem schummrigen Bluesraum sieht, wie selbstvergessen sich Menschen zu dieser wehmütigen Musik bewegen, die vom Schmerz erzählt, ineinander versunken, als seien sie schlaftrunkene Liebende (was sie gewissermassen auch sind, aber eben nur für die Länge eines Lieds), der spürt, wie erfüllend es sein kann, in der Dreiheit Musik–Körper–Bewegung aufzugehen. Bluestanzen ist ganz wunderbar. Riskanter (und aufregender): sich verlieben. Immer wieder aufs Neue, auch in höherem Alter, aller Verletzbarkeit zum Trotz, traumverloren wie ein Kind, entrückt wie eine Jugendliche. In einer sicherheitsfanatischen Zeit, in der man sich vor äusseren Gefahren genauso abzusichern sucht wie vor inneren, indem man lieber nichts spürt als Schmerzliches, wird rückhaltloses Lieben zu einem fast subversiven Akt. Sich einer neuen Liebe ausliefern, die aller Vernunft widerspricht, mit der man sich womöglich lächerlich macht, der das Scheitern schon innewohnt, weil sie unmöglich oder unpassend oder verboten ist, und die gerade deswegen an Rauschhaftigkeit gewinnt: weil sie niemals ins Alltägliche hinüberrutschen wird. Im Anschluss kann man sich dem Trennungsschmerz hingeben (und ein Buch darüber schreiben), das ist auch sehr schön.
«Zu viel davon ist ungesund», sagt Mutter.
Und so lese ich endlich Marcel Mauss. «Die Gabe» erschien vor knapp hundert Jahren, der Untertitel des Essays lautet: «Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften». Der französische Ethnologe Mauss zeigte auf, dass die Gabe, also das Geschenk, grundlegend für das Funktionieren sozialer Strukturen ist. Ich schenke, du schenkst zurück, durch dieses gegenseitige Geben und Nehmen sind wir verbunden, und nicht nur wir zwei, sondern viele, es entsteht ein dichtes gesellschaftliches Geflecht an Geben und Nehmen und dadurch auch ein Geflecht an Erwartung und Schuld. Der «Potlatch» genannte Austausch von Gaben in einigen indianischen Gesellschaften Nordwestamerikas wird rituell begangen. Auch wir kennen die stillschweigenden Gesetze dieser Riten: das schlechte Gewissen, mit leeren Händen zu einer Einladung zu erscheinen, die heimliche Aufrechnung des Werts von Geschenken, den Tanz des Wenn-du-heute-bezahlst-bezahle-ich-aber-nächstes-Mal und so weiter. Geben bedeutet Macht, viel Geben bedeutet mehr Macht, das hat Mauss nachgewiesen. Wenn also Hingabe die zum Superlativ gesteigerte Gabe ist, der innewohnt, dass diejenige Person, die sich hingibt, selbstlos zu handeln und nichts zu erwarten meint, dann muss Hingabe eine Illusion sein, die im schlimmsten Fall Aggressionen erzeugt, wenn nichts zurückkommt. Vielleicht ist es daher ganz klug (wie sagte Mutter: «Zu viel ist ungesund»?), nicht im reinen Geben zu verharren, sondern durchaus etwas zu erwarten, und sei es nur ein kleines bisschen. Damit aus Hingabe nicht die Hinnahme einer Aufgabe wird: der Selbstaufgabe.

Zora del buono, 54, arbeitete als Architektin und begründete später zusammen mit Nikolaus Gelpke die Zeitschrift «Mare», bevor sie sich ausschliesslich dem Schreiben widmete. 2015 veröffentlichte die gebürtige Zürcherin die Novelle «Gotthard» mit dem Basistunnel als zentralem Motiv; für ihren Roman «Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt» wurde sie im letzten Jahr mit der Anerkennungsgabe der Stadt Zürich ausgezeichnet.