Von Ayelet Gundar-Goshen

Das Magazin N°18– 6. Mai 2017

Bis heute erinnere ich mich an die Farbe des Bettlakens, auf dem ich zum ersten Mal mit jemandem schlief. Blauschwarz, mit Blumen drauf. Den Bettbezug hatte ich fünf Jahre zuvor zur Feier meiner Bat-Mitzwa geschenkt bekommen. Als Zwölfjährige hielt ich diese Art der Bettwäsche für erwachsen und raffiniert, und ich konnte es kaum erwarten, endlich das raffinierte erwachsene Leben zu führen, das meinem Laken und dem Bezug entsprach.
Es begann, als ich siebzehn war. Aus dem Abstand der seitdem vergangenen Jahre muss ich verwundert feststellen, dass mir von meinem ersten Mal ausser dem Bettbezug vor allem die Schuldgefühle in Erinnerung geblieben sind, die sich kurz darauf einstellten. Natürlich war das Erlebnis auch von Erregung und Süsse, von Schmerz und Genuss begleitet, doch durchdringender als alle Lust waren die Schuldgefühle. Sie tauchten auf wie ein ungebetener Gast, der die Party mit den Juwelen der Gastgeberin verlässt.
Wo lag die Ursache dieser Schuldgefühle? Die Familie, in der ich aufwuchs, war ziemlich liberal. In der Schule, im Kino, im Fernsehen – überall war so oft von Sex die Rede, dass ich meinte, schon alles über ihn zu wissen, noch bevor ich ihn am eigenen Leib erfuhr. Das Erstaunlichste war dabei, jedenfalls aus meiner Sicht, dass der Knabe neben mir kein Fünkchen einer solchen oder ähnlichen Schuld empfand. Die Schuld ist untrennbar ans Frausein gebunden, das musste ich schon damals erkennen.
Wenn ich an das junge Paar denke, das wir waren, kommt mir unwillkürlich ein anderes Paar in den Sinn: das erste Paar der Geschichte. Adam und Eva haben gemeinsam die erste Sünde begangen. Und mit dem ersten Sündenfall kam die Schuld in die Welt. Die Schuld klebt am Nabel der Sünde.
Die Schlange verleitete Eva, in den Apfel zu beissen, und Eva verleitete daraufhin Adam, in den Apfel zu beissen. Als Gott Adam dann fragte, was da im Garten Eden wohl los sei, beschuldigte der Mann die Frau. Aus der Sicht des Mannes war es die Frau, die in ihm die Lust auf den Apfel geweckt hatte, und deswegen war sie vor Gott die Hauptangeklagte. Nicht nur, weil sie selbst vom Apfel gegessen hatte, sondern auch, weil sie Adam verlockt hatte, die verbotene Frucht zu kosten. Du trägst Schuld an der eigenen Sünde und an der Sünde, zu der du einen anderen verleitet hast. Wenn heutzutage extreme Vertreter der jüdischen Religion den Frauen verbieten, in der Öffentlichkeit zu singen, damit die Männer nicht verführt werden, und ihnen aus demselben Grund vorschreiben, wie sie sich kleiden sollen, dann ist derselbe Mechanismus am Werk: Die Frau ist nicht nur für das verantwortlich, was sie selbst tut, sie trägt auch die Schuld an den Taten des Mannes. Sie ist quasi der Blitzableiter für jegliches Vergehen.
Als Therapeutin weiss ich, dass einer der Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Patienten im Ausmass der Schuldgefühle liegt. Die Schuldgefühle einer Frau sind manchmal so gross, dass im Behandlungszimmer kein Raum für irgendetwas anderes mehr bleibt. Mit dermassen viel Schuld auf den Schultern ist es nicht verwunderlich, dass Frauen es schwer haben, sich in der Welt zu entfalten. Du bist gleich nach der Geburt an deinen Arbeitsplatz zurückgekehrt? Da hast du deinem Baby gegenüber Schuld auf dich geladen. Du bist ein Jahr nach der Geburt nicht an deinen Arbeitsplatz zurückgekehrt? Nun fühlst du dich deinem Chef gegenüber schuldig. Du trägst Schuhe mit hohen Hacken? Damit verrätst du die Frauenbewegung. Du traust dich in der Trainingshose auf die Strasse? So eine Schlampe aber auch!
Seit Anbeginn der Geschichte schleudern Männer ihre Pfeile nach aussen, die Frauen aber richten ihre Pfeile nach innen, gegen sich selbst. Als ich mich nach der Geburt meiner Tochter an das Schreiben meines dritten Romans machen wollte, flogen die Pfeile von überall her. Schrieb ich, durchbohrten sie mir das Herz, weil ich nicht bei meinem Baby war. Verbrachte ich Zeit mit meiner Tochter, fühlte ich mich schuldig, weil ich nicht schrieb.
Wenn von Schuld die Rede ist, bezieht sich das meistens auf Sünden, die man begangen hat. Kann es sein, dass die Schuld in Wirklichkeit aber auf Taten beruht, die zu tun wir uns nicht getraut haben? Wir fühlen uns schuldig wegen des Lebens, das wir nicht zu leben wagten, wegen der Lust, die wir uns versagt haben. Sei es das Buch, das ungeschrieben blieb, weil ich befürchtete, meine Eltern zu kränken. Sei es die Reise, die ich nicht antrat, weil ich befürchtete, meine Abwesenheit könnte unserem Familienleben schaden. Sei es eine Bemerkung zu einem sympathischen Mann auf der Buchmesse, die ich unterdrückte, weil ich befürchtete, meinen Partner zu verletzen.
Was wird uns kurz vor dem letzten Atemzug mehr Schuldgefühle verursachen: die Fehler, die wir gemacht haben, oder die Fehler, die zu machen wir uns nicht getraut haben? Manchmal, wenn ich meine Mutter oder meine Grossmutter betrachte, denke ich, dass jede Frau ihr geheimes Leben hat, eine geheime Frau, die in ihr lebt und manchmal hervorlugt.
Bei einer Hochzeit in Tel Aviv sah ich kürzlich eine etwa fünfundvierzigjährige Frau etwas abseits von allen allein tanzen. Die anderen Frauen ihres Alters tanzten mit der angemessenen Zurückhaltung, aus ihr aber drängte, vielleicht wegen des Alkohols, vielleicht wegen der späten Stunde, eine Dämonin mit wildem Haar hervor, und sie tanzte nicht, um andere zu verführen, sondern um sich selbst hervorzulocken. Wie hypnotisierend war dieser Anblick – und wie kurz! Kaum war das Lied zu Ende (und wer weiss, was ausgerechnet dieses Lied in ihr ausgelöst haben mag), straffte sie ihr Kleid, ordnete sie ihr Haar und kehrte zurück zu den beherrschten, langweiligen, ihrem Alter entsprechenden Bewegungen.
Eva und Adams Schuld steht zwischen uns und dem Paradiesgarten. Rotbackige Äpfel auf der einen, wir Menschen auf der anderen Seite. Durch unsere Strassen patrouillieren ständig Polizisten mit ihren Keulen, doch diese äussere Überwachung verblasst im Vergleich zur inneren Gendarmerie. Stellen wir uns nur einmal eine Welt vor, in der eine ganze Generation ohne die Fähigkeit, Schuld zu empfinden, geboren wird. Dann wäre selbst der stärkste Ordnungsdienst nicht in der Lage, den Zusammenbruch der Menschheit aufzuhalten. Das Schuldgefühl ist eine innere Barriere, eine stark befestigte Mauer, die unsere Begierden von ihrer Befriedigung trennt. Eine Abschottung zwischen beiden ist unerlässlich, aber muss sie so hoch und so dick sein? Und so bedrohlich?
Im Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts reichte die Betonwand zwischen den Begierden und ihrer Befriedigung bis in den Himmel. Einer Frau war es nicht nur verboten, sich ihre geheimen Wünsche zu erfüllen, ihr durfte nicht einmal bewusst sein, dass sie sich diese Wünsche vielleicht liebend gern erfüllt hätte. Die undurchdringliche graue Betonmauer teilte die Seele in zwei Teile, die nicht miteinander kommunizierten und nichts voneinander wussten.
Aber vielleicht verändern sich die Dinge doch ganz allmählich, denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Mauer niedriger, und sie ist auch nicht mehr undurchdringlich. Eher eine dichte grüne Hecke, die hier und dort einen Blick durch das Labyrinth der Zweige gewährt. Wenn ich meine jetzt dreijährige Tochter beobachte, frage ich mich, wie viel Schuld sie zukünftig auf ihren Schultern herumschleppen muss und in welchem Mass sie durch die Hecke wird spähen können.

Ayelet Gundar-Goshen, 34, studierte in Tel Aviv und Jerusalem zuerst Psychologie, danach Film und Drehbuch. Neben dem Schreiben arbeitet sie auch als Therapeutin. Ihr hochgelobtes Debüt, «Eine Nacht, Markowitz», kam 2012 heraus; bereits ihr zweiter Roman, «Löwen wecken», wurde zum Bestseller – beide Bücher werden zurzeit verfilmt. Ihr schlechtes Ge-wissen, als Schriftstellerin und als Mutter, ist noch grösser geworden, seit sie vor einem halben Jahr ihr zweites Kind bekam.

Aus dem Hebräischen übersetzt von Helene Seidler.