Von Francesca Segal

Das Magazin N°18– 6. Mai 2017

Meine Zwillingstöchter sind sechzehn Monate alt, und eines ihrer Lieblingsspielzeuge ist ein Holzquadrat mit vier ebenfalls quadratischen, bunten Plättchen, die sich zur Seite wegklappen lassen und dabei einen Spiegel freigeben. Wenn sie den Spiegel sehen, lachen meine Töchter jedes Mal ganz begeistert ihr Spiegelbild an und beugen sich vor, um es zu küssen. Sie küssen sich andauernd im Spiegel. Sie kneten ihre speckigen Schenkelchen. Sie streichen sich andächtig durchs Haar. Sie liegen nebeneinander, stecken sich einen Finger in den Nabel und halten inne, um sich für ihre Geschicklichkeit zu applaudieren. Ihre Bäuche sind kugelrund und werden stolz über der schwer herabhängenden Windel herausgestreckt. Wenn sie nackt sind, schauen sie voller Interesse an sich hinunter, greifen ihr Fleisch mit beiden Fäusten und finden das Gefühl entzückend. Sie finden ihre Körper entzückend, und warum sollte das auch anders sein?
Sie sind blond, daher haben sie so feine Augenbrauen, dass man diese kaum sehen kann. Eines Tages wird ihnen jemand die Benutzung eines Augenbrauenstifts nahelegen, um sie zu definieren, oder eine Spur Augenbrauenpuder. Ihre Wimpern sind hell, wofür Frauenmagazine sie tadeln werden. Diese Magazine würde ich am liebsten verbrennen.
Angefangen bei der Geburt, ist Mutterschaft eine einzige Trennungsübung. Doch vorläufig sind meine Töchter noch Babys, und die Verantwortung für sie ist momentan eine rein physische – dass sie jeden Tag überleben, ist ein Wunder, für das ich geradezustehen habe. Wie Maggie Nelson in ihrem Roman «The Argonauts» schreibt: «Sie, lieber Leser, sind heute noch am Leben und können das hier lesen, weil irgendjemand einmal mit angemessener Strenge kontrolliert hat, was Sie sich in den Mund stecken.» Ich muss sie nicht nur mit Zärtlichkeit und Nahrung versorgen, sondern auch noch aufpassen, dass sie an nichts ersticken, nirgendwo hinunterfallen und nicht mit Haarnadeln in Steckdosen bohren, mit anderen Worten: die schier unendliche Zahl an Selbstvernichtungsmöglichkeiten antizipieren, die einem Kleinkind im Laufe einer einzigen Stunde in den Sinn kommen. Vorerst ist ihre körperliche Unversehrtheit meine Sache, und deshalb denke ich oft über ihre Körper nach.
Es spricht einiges dafür, dass sie sich Jahre, wenn nicht sogar ein ganzes Jahrzehnt früher mit ihrer Figur beschäftigen werden, als ich es mir je hätte träumen lassen. Selbsthass beginnt bei Mädchen heutzutage offenbar, gleich nachdem sie die Windeln abgelegt haben. Einer in «Developmental Psychology» veröffentlichten Studie zufolge sind Mädchen im Alter von fünf bis acht Jahren, die mit Barbiepuppen spielen (in jeder Hinsicht Aushängeschilder für gestörtes Essverhalten und zwanghaftes, man könnte beinahe sagen fahrlässiges Tragen schwindelerregend hoher Absätze, selbst wenn sie eine Kampfpilotin oder Rennfahrerin darstellen sollen), weniger mit ihrem Körper zufrieden als Mädchen, die mit einer Puppe namens Emme spielen, die im echten Leben Grösse 44 tragen würde, oder – Gott bewahre! – solche, die gar nicht mit Puppen spielen. Einer anderen Studie zufolge, die 2010 im «British Journal of Developmental Psychology» veröffentlicht wurde, hatte bereits fast die Hälfte aller befragten drei- bis sechsjährigen Mädchen Angst, zu dick zu sein.
Wenn ich früher in New York war, hatte ich immer einen Heidenspass daran, in den Drogeriemärkten zu stöbern, deren Kosmetikabteilungen so gross sind wie in Europa ganze Supermärkte. Heute stehe ich zwischen den Pudern und Pinseln und denke: Dies ist der Gang, in dem meine Töchter lernen werden, sich Gedanken über ihre Haut zu machen. Dieser Gang wird ihnen nahelegen, dass sie ihre unzulängliche Haarfarbe verändern oder graue Strähnen kaschieren müssen. Der Gang da drüben wird ihnen zeigen, wie viele Produkte sie kaufen müssen, damit die Welt ihr Aussehen jeden Morgen für akzeptabel hält. Kaschieren, verringern, betonen.
Ich schaue die Körper meiner Töchter an, und es schmerzt mich. Ihre Füsse kennen noch keine Schuhe, aber wenn wir zusammen ihre weichen Zehen zählen, halte ich sie in der Hand und denke: Eines Tages werden sie mit Blasen übersät sein, die Fersen wund gescheuert von den Riemchen zu hoher Schuhe. Ich pruste ihnen auf die stolzen, runden Bäuchlein, und ich fürchte mich vor dem Tag – der unausweichlich scheint –, an dem sie sich voller Abscheu im Spiegel ansehen und sagen werden: «Ich bin so fett» oder sich in zu enge Jeans quälen, sodass sich auf ihrer makellosen Haut der Knopf über dem Nabel und an jedem Bein ein roter Striemen von der Naht abzeichnet. Ich will sie anflehen: Quält euch nicht! Oder vielleicht noch einfacher: Hört nicht hin!
Mit zweieinhalb kommen sie in die Krippe, und für einen Teil des Tages werden ihre Körper von meiner Obhut in die Obhut der Gruppe übergehen. Die Werbung wird sie ins Visier nehmen. Sie werden Zeitschriften lesen, bevor sie wirklich lesen können. Das erste kleine Mädchen, das in Gegenwart meiner Töchter sagt: «Ich bin zu dick», wird Opfer und Zombie-Vorbotin zugleich sein und ein Mädchen nach dem anderen in seiner Umgebung anstecken.
Es braucht nur den Bruchteil einer Sekunde, um festzustellen, dass das Ethos der Selbstakzeptanz, das man seinen Töchtern vermitteln will, in Widerspruch mit unserem Wertesystem steht, es vollkommen inkompatibel mit der Art und Weise ist, mit der die Gesellschaft über sie urteilen und auf sie reagieren wird, und es braucht nur einen Bruchteil länger, um festzustellen, dass man, will man seine Kinder so aufziehen, wie sie es verdient haben, keine andere Wahl hat, als für einen Wandel in der Gesellschaft zu kämpfen. Es wird zum dringlichen moralischen Gebot. Ich bin schon immer Feministin gewesen, aber für mich selbst habe ich unbewusst Standards akzeptiert, die ich für meine Töchter nicht tolerieren kann. Ist das hier also ein Aufruf zum Kampf? Ich weiss es nicht – während ich diese Worte schreibe, trage ich Wimperntusche. Aber Selbsthass ist ein mächtiges Unterdrückungswerkzeug, und wir sollten uns weigern, ihm zu verfallen. Ja, wir haben die Pflicht, uns zu widersetzen. Wie viel Hektar emotionaler Fläche würden frei werden, wenn wir uns widersetzen würden, wenn Frauen all die Zeit zurückbekämen, in der sie «Ich bin zu fett» gedacht haben? Welche Gedanken könnte man dort, könnte man in unserer Kultur pflanzen? Welche Revolutionen könnten wir lostreten?

Francesca Segal, 36, beschäftigte sich in ihren Artikeln, u.a. für «Vogue», schon mal mit der modisch richtigen Augenbrauenform,  schrieb nach ihrem Studium in Oxford und Harvard aber auch für «The Guardian», «Tatler», und «The Observer». 2013 erschien ihr Debüt, «Die Arglosen», eine Liebesgeschichte aus der jüdischen Gemeinschaft von Primrose Hill; dieser Tage kommt «Ein sonderbares Alter» heraus. Die Tochter des US-Autors Erich Segal («Love Story») lebt in London.

Aus dem Englischen übersetzt von Anna-Nina Kroll.