All you can read

Kochmagazine gibt es viele. Wirklich interessant und originell aber sind die wenigsten. Hier eine persönliche Auswahl.

Eine Kolumne von Christian Seiler

Aktualisiert am 22. September 2017, 4:38 Uhr

Es ist eine interessante Disziplin, über Essen zu schreiben. Jeder einzelne Satz zielt verführerisch ins Ungefähre.

Selbst wenn ich mit aller Ernsthaftigkeit versuche, ein Gericht zu erklären, das dampfend vor mir steht und mich in den Zustand geifernder Begeisterung versetzt, wird die Beschreibung mangelhaft sein. Denn niemand, der nicht schon einmal, sagen wir, in die St. Galler Bratwurst beim «Sternen Grill» gebissen und den Kick des scharfen Senfes die Riechgänge hinaufkriechen gespürt hat, bis es weiter oben endlich zur Detonation kommt, kann das Zusammenspiel des Salzigen, Straffen, Heissen, Fetten und Scharfen in seiner Erinnerung rekonstruieren. Ein japanischer Leser, der sein Leben mit Reis, Fisch und feinsten Miso-Schattierungen gefristet hat, liest diese Beschreibung vermutlich so wie ein Death-Metal-Bassist die Rezension des Klavierquintetts von Thomas Adès.

Gleichzeitig wohnt jeder exakten kulinarischen Beschreibung die Vorstellung inne, dass die Speise, über die gerade gesprochen wird, selbst hergestellt werden kann. Darauf beruht auch der Erfolg vieler Magazine und Zeitschriften, die sich mit dem Thema Essen und Trinken beschäftigen.

Es gibt Klassiker darunter, deren Markenkern es ist, möglichst gut erprobte Rezepte unter das Publikum zu bringen (kein Zufall, dass Coop und Migros gerade jeweils eine neue Foodplattform etablieren, «Fooby» und «Migusto», die der Attraktivität zugänglicher Rezepte die Verheissungen der neuen Medien zur Seite stellen). Und es gibt eine ganze Reihe von Publikationen, die sich auf fantasievolle und unkonventionelle Weise mit dem Gegenstand auseinandersetzen, diesen kulturell kontextualisieren oder ironisieren, in einen grösseren, gesellschaftlichen Zusammenhang stellen oder schlicht und einfach grossartig ästhetisieren.

Nach wie vor finde ich die Arbeit des schwedischen Paars Lotta und Per-Anders Jörgensen unübertroffen: Die beiden haben mit ihrem Magazin «Fool» eine neue gestalterische Ästhetik mit höchstem erzählerischem Anspruch verknüpft. Es gibt bisher sechs Ausgaben von «Fool», die siebte ist dem Vernehmen nach in Vorbereitung. Es lohnt sich, auf der Website fool.se nachzuschauen, in welchem Stadium des Landeanflugs sich das nächste Projekt gerade befindet.

Unkonventionell ist auch das Projekt des rührigen kalifornischen Entrepreneurs David Chang: Sein Magazin «Lucky Peach» (luckypeach.com) unterläuft alle gängigen Ästhetikregeln der Foodwelt und präsentiert sich bunt, schnell und trashig. Ich bin beim Durchblättern oft an meine Grenzen gestossen, aber beim Lesen in Facetten des Essens und Trinkens eingeführt worden, von denen ich mir nicht hätte träumen lassen, dass es sie gibt (Stichwort: Ramen; und auch die häufigen Auftritte von Anthony Bourdain sind immer wieder höchst vergnüglich).

Grossartige Inspirationen liefert auch das spanische «Tapas Magazine» (tapasmagazine.es), das Phänomene der Populärkultur mit kulinarischen Recherchen verquickt. Dort kommt es zu einem Wiedersehen mit Moby oder David Lynch, und minutiös wird über das «Dilemma in deinem Kaffeebecher» berichtet. Englische Ausgaben von «Tapas» können einfach digital bezogen werden (de.zinio.com).

Dieser Tage erscheint die zweite Ausgabe des vielversprechenden, an eher abseitigen Phänomenen des Essens (Menschenfleisch, deutsche Küche) interessierten Quarterly «All you can eat» (allyoucaneatmagazine.com), und in der Schweiz geht gerade ein neues Projekt an den Start, das ziemlich verheissungsvoll ist.

Es heisst «Gut – vom Essen» und kommt aus der Werkstatt von Anna Pearson & Friends, die seit wenigen Tagen per Crowdfunding die Grundlagen für einen multifunktionalen Foodhub schaffen wollen (gut.wemakeit.com). Das Ziel der Sache ist es, in Wort, Bild, sinnlichen Volten und konkreten Veranstaltungen Themen rund ums Essen zu setzen und/oder nachvollziehbar zu machen. Dafür sollen 3000 Menschen als zahlende Mitglieder gewonnen werden. Ehrgeizig und unterstützenswert. Ich habe meine 120 Franken für die Jahresmitgliedschaft schon eingezahlt.