Von Margot Litten

Das Magazin N°19– 13. Mai 2017

Vor zwei Jahren habe ich ihn zu Hause besucht, in der noblen Calle Betancourt in Madrid. Es war mir gelungen, den Hausmeister in ein Gespräch zu verwickeln und dabei herauszufinden, in welcher Etage Dr. Vela wohnte. Später gelangte ich unbemerkt durch ein hinteres Treppenhaus in den fünften Stock. Eine alte Dame öffnete: Ob ich ihren Mann wegen gynäkologischer Probleme konsultieren wolle? Im weitesten Sinne ja, sagte ich. Ich wüsste gern mehr über die Säuglinge, die in seinem Spital verschwanden. Damit haben wir nichts zu tun, entgegnete sie brüsk und schloss die Tür.

Jahrzehntelang blieb der Frauenarzt Dr. Vela unbehelligt. Sämtliche Anzeigen gegen ihn wurden ad acta gelegt, Ermittlungen verliefen im Sande. Dabei gab es handfeste Beweise, dass er Hunderten von Frauen ihre Babys gestohlen und verkauft hatte. Doch die spanische Justiz schien das nicht sonderlich zu interessieren. Erst 2013 hatte eine junge Frau, die ihre leibliche Mutter sucht, mit einer Anzeige gegen den Arzt Erfolg. Drei Jahre dauerte es, bis es zur Anklage kam. Und inzwischen ist ein weiteres Jahr vergangen, ohne dass der Prozess gegen den bald 85-Jährigen begonnen hätte. In den nächsten ein, zwei Monaten könne man damit rechnen. Heisst es.

Wenn sie ihn nicht vorher aus der Schusslinie bringen, sagt Elsa López. Die Schriftstellerin weiss, wovon sie spricht, denn sie hat viele Lügen, verschlossene Türen und Ungereimtheiten erlebt in den Jahren, in denen sie ihr Kind sucht. 1981 hatte sie in der Madrider Privatklinik San Ramón ein Mädchen zur Welt gebracht. Es sei alles so merkwürdig abgelaufen, erinnert sie sich. Zum Beispiel habe sie noch in ihrem Zimmer die Narkose bekommen, nicht wie üblich erst im Kreisssaal. Aber das, sagt sie, sei ihr erst später aufgefallen:

«Ich erinnere mich an nichts, ausser an den Moment, als die Geburt bereits vorüber war. Da beugte sich Dr. Vela über mich und sagte, ich hätte eine Tochter geboren, es gehe ihr aber nicht gut. Und er fragte, ob ich einverstanden sei, dass sie sofort getauft würde. Ich war noch halb weggetreten und sagte zu allem Ja. Ich sagte aber auch, dass ich mein Kind sehen möchte. Da zeigte mir Dr. Vela ein Baby, ganz in Tücher gehüllt, so wie manchmal die Kinder auf alten Gemälden, zum Beispiel das Jesuskind. Er sagte: Gib deinem Kind einen Kuss – und ich küsste das Gesichtchen und spürte, dass es eiskalt war. Das ganze Bündelchen war eiskalt, wie tiefgefroren. Ich erinnere mich, wie sich Dr. Vela entfernte, das in Tücher gehüllte Kind im Arm, er ging durch eine Türe rechts von mir, begleitet von einer Nonne und einer Krankenschwester.»

In der Nacht ging López diese Szene immer wieder durch den Kopf: das eiskalte Kind, die dunklen Lippen, das Gesichtchen total bleich.

«Und plötzlich war mir klar: Das war nicht mein Kind. Aber ich habe mit keinem darüber gesprochen, ich behielt es für mich und fiel in eine tiefe Depression. Eines Tages kam mein Mann und sagte: Sie haben Dr. Vela festgenommen, jemand hat ihn angezeigt, eine Journalistin hat alles aufgedeckt. Und ein Fotograf hat ein tiefgefrorenes Baby im Eisschrank der Klinik entdeckt und heimlich Bilder davon gemacht. Hier, schau dir das an! Da sagte ich zu meinem Mann: Das ist das Kind, das man mir gezeigt hat. Und dann erzählte ich ihm die ganze Geschichte.»

Bereits Anfang der Achtzigerjahre war Erschreckendes aus der Madrider Klinik San Ramón gemeldet worden: Von illegalen Adoptionen war die Rede, von Kinderhandel gar, doch das öffentliche Interesse hielt sich in Grenzen. Erst 2011 berichteten spanische Medien ausführlicher über das Drama, fassungslos las ich damals während eines Spanienurlaubs in der Zeitschrift «Interviú» eine grosse Reportage über tiefgefrorene Babys, gefälschte Geburtsurkunden und leere Kindersärge.

Im Fernsehen schilderten Frauen ihre Horrorerlebnisse. Immer mehr Mütter und vermeintlich Adoptierte wagten es daraufhin, ihren Verdacht öffentlich auszusprechen und Nachforschungen anzustellen. Opfergruppen wurden gegründet, Anwälte erstatteten Anzeigen gegen Ärzte und Nonnen, und einen Augenblick lang sah es so aus, als komme diese Tragödie, das grösste Verbrechen der Nachkriegszeit, endlich ans Licht.

Auch Mercedes Anglada war damals voller Optimismus. Ich treffe sie an einem sonnigen Tag im Retiro-Park, wo sie gern spazieren geht. Auf einer Bank vor dem grossen Spielplatz mit der Holzrutsche erzählt sie:

«Wenn ich auf einem Spielplatz all die Kinder sehe, muss ich an mein eigenes Kind denken, das man mir vor fast fünfzig Jahren gestohlen hat, ob Sohn oder Tochter weiss ich nicht. Als die Wehen einsetzten, fuhren wir ins Krankenhaus, dort gaben sie mir eine Narkose, und als ich wieder aufwachte, stand mein Mann ganz traurig vor mir und sagte, unser Kind sei tot geboren, die Nabelschnur habe sich um seinen Hals gewickelt. Meine Eltern erzählten mir, eine Nonne habe ihnen ein Baby gezeigt, blau angelaufen und eingehüllt in Tücher. Ich selber habe mein Kind gar nicht zu Gesicht bekommen, die Nonnen wollten alles regeln, es selber beerdigen, sie haben auch keinen Totenschein ausgestellt, und es gab keinen Eintrag ins Geburtsregister, so als habe dieses Kind nie existiert.»

Mit ihrem Mann kann Anglada nicht darüber sprechen, was passiert ist, er hat die Geschichte in seinem Herzen vergraben. Heimlich besucht sie die Zusammenkünfte einer Opfergruppe, in der Hoffnung, ihr verschwundenes Kind doch noch irgendwann zu finden. «Ich wüsste so gern, was es fühlt und denkt», sagt sie, «und ob ich vielleicht ein Enkelkind habe. Ich bin jetzt fast 74, vielleicht erfahre ich es ja noch, bevor ich sterbe.» Gross ist die Chance nicht, das weiss Mercedes Anglada inzwischen, weder für sie noch für die vielen Tausend anderen Mütter in Spanien, die ihre Kinder suchen.

Der Gynäkologe Dr. Vela beraubte Hunderte Mütter ihrer Neugeborenen, verkaufte diese und verdiente ein Vermögen damit. Er sagt: «Ich habe immer nur den Frauen geholfen.» (Diego Sinova / EL MUNDO)

Der vergessene Skandal

Im Sommer 2016, fünf Jahre nachdem ich von dem Skandal erfahren habe, bin ich in Madrid bei einer Kundgebung von Opfern des Babyraubs. Ich traue meinen Augen nicht: Ein Grossaufgebot an Demonstranten aus ganz Spanien war angekündigt worden, doch auf der Plaza Castilla haben sich höchstens drei Dutzend Menschen versammelt. Die Aufbruchsstimmung in der Öffentlichkeit und den Medien,  der Wille, dieses dunkle Kapitel der spanischen Geschichte zu untersuchen, ist verflogen, seit sich herausgestellt hat, dass die meisten Spuren verwischt sind, die meisten Dokumente verschwunden oder gefälscht.

Enrique Vila Torres, einer der Teilnehmer der Demonstration, stellt resigniert fest: «Die Luft ist raus. Das hat der Staat wunderbar hingekriegt, er hat uns ins Leere laufen lassen, uns zermürbt, unsere Fälle archiviert, und damit ist auch das Interesse der Gesellschaft erlahmt.» Der Anwalt aus Valencia vertritt seit Jahren Opfer – afectadas, wie sie in Spanien genannt werden – vor Gericht, und er ist auch in eigener Sache tätig.

Mit 23 Jahren entdeckte er, dass er ein Adoptivkind ist. Sein Vater hatte Lungenkrebs, lag im Krankenhaus und war bereits nicht mehr bei Bewusstsein. Eines Abends schaute er zu Hause die Papiere durch, um nach dem Tod seines Vaters alles regeln zu können. Dabei entdeckte er seine Adoptionsurkunde:

«Ich war all die Jahre ohne den geringsten Zweifel gewesen, doch in diesem Moment, als ich die Adoptionsurkunde in Händen hielt, passierte etwas, das aus psychologischer Sicht sehr seltsam war: Ich schaute mich automatisch im Spiegel an, als würde ich mich fragen, ob ich es wirklich bin beziehungsweise wer ich eigentlich bin. Es war ein sehr emotionaler Moment. Auch für meine Mutter, die ich dann nach meiner Adoption fragte. Klar, sie konnte es nicht leugnen, sie weinte, und ich sagte ihr: Du musst dir keine Sorgen machen, ich liebe dich, du bist und bleibst meine Mutter. Aber dennoch begann ich damals mit der Suche nach meiner wahren Herkunft.»

Enrique Vila Torres sucht seit achtzehn Jahren, weit ist er dabei noch nicht gekommen.

«Ich habe keine Ahnung, ob meine Mutter mich freiwillig hergegeben hat oder nicht. Solange ich meine leiblichen Eltern nicht kenne, kann ich das nicht wissen. Aber was ich weiss, ist, dass meine Adoptiveltern für mich eine Million Peseten gezahlt haben. 1965 war das sehr viel Geld. Wenn man diese Summe hochrechnet auf alle Adoptionen, dann sprechen wir von Millionen von Euros, die an die Kirche flossen. Daher wird es die Kirche auch nicht zulassen, dass wir unsere Mütter wiederfinden. Und natürlich auch deshalb nicht, weil sonst ans Licht käme, dass sie eines der brutalsten Geschäfte betrieben hat, die es gibt: Menschenhandel.»

Die Kirche mauert, und der Staat sieht weg – wie damals, als die Tragödie begann. 1936 putschten nationalistische Generäle unter Franco gegen die junge Spanische Republik, ein grausamer Bürgerkrieg begann. Nach Francos Sieg 1939 waren die Gefängnisse voll von politischen Gefangenen. Die inhaftierten Frauen brachten ihre Kinder mit, aber diese Kinder wurden nicht registriert. Aus diesem Grunde existierten sie rein rechtlich gar nicht, und man konnte mit ihnen machen, was man wollte. Aus Dokumenten eines Gefängnisses im Baskenland von 1943 geht hervor, dass dort zu jener Zeit Nonnen ihren Dienst verrichteten. Alle Kinder, die drei Jahre oder jünger waren, seien eines Morgens von Soldaten in dem Gefängnis abgeholt worden. Die Mütter mussten sich mit ihren Kindern im Innenhof aufstellen, danach hat man die Kleinen mitgenommen, ohne irgendeine Erklärung abzugeben.

Schwester María vom Orden der Barmherzigen Schwestern lockte werdende Mütter zu Dr. Vela. Ihre Kirche sagt: «Sie hat ihre Aufgabe gut gemacht.» (CRISTÓBAL MANUEL / EDICIONES EL PAÍS S.L., 2012)

Ein Geschenk des Himmels

Die ideologischen Grundlagen für den Kinderraub hatte der Militärpsychiater Vallejo-Nájera geliefert. Für ihn war der Marxismus eine Art Geisteskrankheit, Babys durften keinesfalls die «Milch des Kommunismus einsaugen». Die Demokratisierung des Landes – so Vallejo-Nájera – habe eine Zersetzung der spanischen Rasse bewirkt; um sie zu regenerieren, müsse man die Kinder der «Roten» dem Einfluss ihrer Eltern entziehen. Mehr als 30 000 Kinder wurden so bis Ende der Vierzigerjahre ihren Eltern weggenommen, unter falschem Namen an regimetreue Paare vermittelt oder in kirchliche Heime gesteckt und umerzogen. Zeugenaussagen belegen, dass vor allem die Mädchen dort einer besonders strengen religiösen Indoktrination, geradezu einer Gehirnwäsche, unterzogen wurden; viele schworen dadurch für immer ihren Eltern ab, manche wurden Nonnen.

Ab den Fünfzigerjahren ging es nicht mehr um politische Motive, sondern nur noch um Geld. Der Handel mit Babys wurde zum lukrativen Geschäft, in das Ärzte, Anwälte und die katholische Kirche verwickelt waren. Ungewollt kinderlose Paare setzten oft alles daran, sich als «richtige Familie» zu präsentieren. Ein Baby kostete ungefähr so viel wie eine Eigentumswohnung, wobei man den Adoptiveltern weismachte, die leibliche Mutter habe das Kind nicht gewollt.

Es waren dunkle Zeiten: Abtreibung war verboten, ledige Mütter wurden ausgegrenzt, und so erschien die Offerte einer gewissen Schwester María manch schwangerer Frau in Not wie ein Geschenk des Himmels. Die Nonne vom Orden der Hijas de la Caridad, der Barmherzigen Schwestern, war Dr. Velas rechte Hand. In Zeitungsinseraten bot sie ledigen Schwangeren Unterkunft in kirchlich geführten Pensionen an, aber auch die Möglichkeit, in der Madrider Klinik San Ramón kostenlos zu entbinden.

Mit der Zeit mehrten sich jedoch die Hinweise, dass dort – wie auch in den beiden Nachbarkrankenhäusern O’Donnell und Santa Cristina – einiges nicht mit rechten Dingen zuging: Auffallend viele Babys kamen tot zur Welt oder starben nach wenigen Tagen, seltsamerweise oft an Otitis media, Mittelohrentzündung. Andere waren zur Adoption freigegeben, und man munkelte, wer ein Baby wolle, würde in San Ramón sehr schnell fündig. Die Schwangere gehe durch die eine Türe hinein und die Adoptivmutter mit dem Baby durch die andere Türe hinaus. 2011 bestätigte eine Krankenschwester im spanischen Fernsehen, was sich bis Anfang der Achtzigerjahren in San Ramón abgespielt hatte:

«Ich wusste, dass bei uns mit Babys gehandelt wurde, wir haben alle mitgemacht bei diesem Theater. Wenn Dr. Vela kein Baby zum Verkaufen hatte, wurde er immer nervös. Natürlich konnte er nicht allen Frauen ihre Babys wegnehmen, aber wenn er nicht genug Nachschub hatte, verkaufte er nicht nur die Kinder lediger Mütter, sondern auch die junger Paare. Er sagte ihnen, ihr Kind sei tot geboren, und sie sollten nicht traurig sein, sie könnten doch noch weitere Kinder bekommen. Ich wurde einmal nach Eiswürfeln geschickt, und da lag in der grossen Eistruhe ein totes Baby, ziemlich blau angelaufen. Eine Kollegin erzählte mir dann, dass sie dieses Baby holen und es auftauen musste, um es Eltern zu zeigen als Beweis, dass ihr Kind tot zur Welt gekommen war. In Wirklichkeit war ihr Kind bereits verkauft worden. Als Mutter konnte ich mich natürlich in diese armen Frauen hineinversetzen, aber was sollte ich tun? Wir waren zu Komplizen geworden, ohne es zu wollen, und wem sollten wir das erzählen?»

Ärzte und Krankenschwestern aus ganz Spanien waren, wie man heute weiss, in den organisierten Babyhandel verwickelt. Aber Dr. Vela und Schwester María trieben es offenbar besonders dreist. Bereits Anfang der Achtzigerjahre standen die beiden im Mittelpunkt der Vorwürfe. Vela, der in jener Zeit ein Millionenvermögen angehäuft hatte, mit dem er unter anderem ein Betonwerk finanzierte, war von einigen Frauen angezeigt worden. Ein Skandal bahnte sich an, doch die Untersuchungen gegen ihn verliefen rasch im Sande. Er habe – so seine Aussage gegenüber der Polizei – genau Buch geführt über die Geburten in seiner Klinik, sämtliche Namen und Daten seien korrekt in einem Heft vermerkt. Die Polizei verzichtete darauf, sich dieses Heft zeigen zu lassen. Zwar schloss sie San Ramón im Februar 1982, Dr. Vela konnte jedoch in seiner eigenen Praxis unbehelligt weiterarbeiten. Zur Sicherheit überschrieb er sämtlichen Besitz an seine Ehefrau.

Eine spanische Journalistin, die in San Ramón zur Welt gekommen ist und nach ihren Eltern sucht, hat Vela vor mehreren Jahren mit versteckter Kamera gefilmt. Er stellte sich ihr als Engel der Armen dar, der immer nur das Beste wollte:

«Ich habe niemals Babys verkauft, ich habe immer nur den Frauen geholfen, dass sie ihr Kind in Sicherheit und medizinisch bestmöglich betreut zur Welt bringen konnten. Nach der Entbindung habe ich sie dann gebeten, ein Dokument zu unterschreiben, dass sie einverstanden waren mit der Adoption. Diese Unterlagen in unserem Archiv sind inzwischen allerdings leider verbrannt. Es gibt kein einziges Dokument mehr, und deshalb ist es unmöglich, dass jemand noch seine leibliche Mutter findet. Doch diese Frauen haben ja damals akzeptiert, dass ihr Kind im Geburtsregister den Vermerk ‹Mutter unbekannt› bekam. Also hören Sie auf, weiterzusuchen, und lassen Sie die Vergangenheit ruhen!»

Nach Dokumenten des Madrider Standesamtes wurden in der Klinik San Ramón siebzig Prozent der Geburten mit dem Vermerk «Mutter unbekannt» registriert. Das war damals zwar legal, um die Anonymität unverheirateter Mütter zu gewährleisten, aber es half natürlich auch, den Babyhandel zu verschleiern.

Auch Schwester María geschah nichts, obwohl ihr zahllose Fälle von Babyraub angelastet wurden. Jahrzehntelang kämpften die Opfer darum, den «Dämon mit Haube» vor Gericht zu bringen. Erst 2012 war es endlich so weit. In einem offenen Brief bestritt Schwester María damals alle Vorwürfe. Am 19. Januar 2013 sollte sie vor Gericht erscheinen, als landesweit erste wegen Babyraubs Angeklagte. Aufgrund eines ärztlichen Attests wurde der Termin jedoch verschoben. Drei Tage später war sie tot. Oder vielleicht auch nicht?

Die Schwangere gehe durch die eine Türe hinein und die Adoptivmutter mit dem Baby durch die andere Türe hinaus, sagte man über Geburtskliniken wie San Ramón in Madrid.

Wo ist Schwester María?

Der Todesfall war mysteriös: Warum gab der Orden das Ableben von Schwester María erst bekannt, nachdem sie angeblich bereits in aller Stille beerdigt worden war? Und warum lag dem Gericht tagelang kein Totenschein vor? Eine von Opfergruppen geforderte Exhumierung wurde verweigert. Anfang 2015 kam schliesslich heraus, dass zwei unterschiedliche Totenscheine existierten: Das von einem Madrider Arzt unterzeichnete Original wies eine andere Ziffernfolge auf als die im Standesamt eingereichte Kopie.

Ich wundere mich, wie wenig spanische Medien versuchten, diesen und anderen Ungereimtheiten beim Thema Babyraub auf den Grund zu gehen. Auch in Argentinien waren zur Zeit der Militärdiktatur in Haft geborene Kinder von Oppositionellen ihren Müttern weggenommen und an kinderlose Offiziersfamilien verkauft worden. Die Mütter wurden ermordet. Das Schicksal dieser Kinder hatte nach dem Ende der Diktatur nicht nur Argentinier, sondern Menschen weltweit erschüttert und Journalisten zu intensiven Recherchen veranlasst. Auch mich, die ich damals für ein paar Jahre in Buenos Aires lebte. Und so wollte ich jetzt auch im Fall der angeblich verstorbenen Schwester María Genaueres wissen.

Meine Recherche ergab, dass ein gewisser Dr. Berrocal, der den Totenschein unterschrieb, nicht der behandelnde Arzt der Nonne gewesen war. Sein Vater war jedoch ein Freund von Dr. Vela, ihrem einstigen Chef.

Zweimal suche ich Dr. Berrocal, einen blassen Mittvierziger, zu Hause auf und frage ihn, wie er sich die unterschiedlichen Totenscheine erklärt. Doch er ist keineswegs zum Reden aufgelegt: «Verschwinden Sie», sagt er mit leiser Stimme, «verschwinden Sie, und kommen Sie nie mehr wieder.» Ein halbes Jahr später versuche ich es erneut. «Von mir erfahren Sie kein Wort», sagt er dieses Mal, schlägt die Türe zu und sperrt zweimal von innen ab.

Auch im Standesamt stosse ich auf Ablehnung. Derartige Druckfehler kämen jeden Tag dutzendfach vor, erwidert der Chef der Sektion genervt, als ich ihm Kopien der Dokumente mit den differierenden Nummern zeige. «Wenn Sie Zweifel haben, können Sie ja zur Polizei gehen und den Arzt verklagen.» Einige Monate später – der Mann ist inzwischen pensioniert – spreche ich seine Nachfolgerin auf die Geschichte an. Susana Gutiérrez, eine freundliche Frau, gibt sich erstaunt. Sie verspricht, der Sache nachzugehen. Sie werde mir spätestens nächste Woche per E-Mail berichten. Inzwischen sind zehn Monate vergangen, trotz mehrmaliger schriftlicher Nachfrage kam bis heute keine Antwort.

Auf dem Madrider Friedhof San Justo gelingt es mir, Antonio ausfindig zu machen, einen der vier Totengräber, die im Januar 2013 bei der Beerdigung Schwester Marías Dienst taten. Ich frage ihn nach dem Grab der Nonne, erfahre aber nur, dass er keinem verraten dürfe, wo es liegt.

Wer Schwester María besuchen will, könne im Ordenshaus einen Antrag stellen, der würde allerdings vermutlich abgelehnt. Doch dann erzählt Antonio noch etwas: Die Beerdigung sei damals sehr schnell und im kleinen Kreis vonstattengegangen. Und der Sarg sei ihm merkwürdig leicht vorgekommen. Natürlich habe er nicht hineinschauen können.

Schliesslich spreche ich bei den Hijas de la Caridad vor. Das Ordenshaus in Madrid, eine hundertjährige Trutzburg aus Backstein, ist von einer Mauer umgeben, ich werde zwar eingelassen, aber misstrauisch beäugt von der Schwester an der Pforte.

Die Oberin ist ausser Haus, stattdessen empfängt mich Schwester Puri, die als Erstes verlangt, dass ich meine Tasche an der Pforte abstelle, ich könnte ja ein Aufnahmegerät darin versteckt haben. Hatte ich aber nicht, es war in meiner Kleidung verborgen. Man rede nicht mit Journalisten, erklärt Puri.

Warum eigentlich nicht?, frage ich nach. Haben Sie kein Mitleid mit den betroffenen Müttern?

– Natürlich leiden wir mit den Müttern, aber wir selber leiden auch.

– Weshalb leiden Sie?

– Wie ich schon sagte, wir äussern uns dazu nicht, unsere Mitschwester ist gestorben und damit Punkt, Ende.

– Beschämt es Sie nicht, was Schwester María getan hat?

– Unsere Schwester hat getan, was sie tun musste. Wir lieben sie, wie sie ist, sie hat ihre Aufgabe gut gemacht.

Ein paar Monate später bin ich noch einmal auf dem Friedhof San Justo und finde Schwester Marías Grab. Vermutlich ist sie inzwischen tatsächlich gestorben. Ein paar Plastikblumen liegen auf grauem Stein. Es sei nie jemand zu Besuch dort, sagt mir ein Friedhofswärter.

Ohne Reue

Ob in Andalusien oder Asturien, im Baskenland oder auf den Balearen – der Babyhandel konnte sich bis Anfang der Neunzigerjahre auf ein mafiöses Netzwerk stützen, das in ganz Spanien operierte. Welche Rolle die Kirche dabei spielte und auf welch starken Säulen die Macht des Katholizismus auch im heutigen Spanien noch ruht, davon bekomme ich eine Vorstellung, als ich Jaume Santandreu treffe. Der Mann war fünfzig Jahre lang Priester auf Mallorca; dann kehrte er der Kirche den Rücken. Als Kind war er im Priesterseminar wiederholt von einem Geistlichen vergewaltigt worden. Als er den Missbrauch offenbart, weist ihn der Bischof zurecht: Er sei der Sünder, er habe den Priester verführt! Santandreu muss ein Dokument unterschreiben, das ihn zum Schweigen verpflichtet. Als er dieses Papier fünfzig Jahre später noch einmal einsehen will, heisst es, das Archiv mit den Unterlagen sei verbrannt. Für Santandreu eine Lüge zu viel: Er legt sein Priesteramt nieder und macht seinen Fall öffentlich.

Heuchlerisch und selbstherrlich nennt er die katholische Kirche in Spanien, bis heute sehe sie keine Notwendigkeit, den schlimmsten Skandal – den Babyraub – aufzuklären und die Opfer um Verzeihung zu bitten. Er erzählt:

«Man konnte in Spanien während der Franco-Zeit ein Krankenhaus oder eine Geburtsklinik nur dann eröffnen, wenn die Leitung in Händen eines Klosters lag. Schon das macht deutlich, dass die Kirche in den Babyraub involviert war. Aber für die Kirche waren und sind die Babys keine gestohlenen, sondern gerettete Kinder! Die Kirche hat bis heute die Vorstellung, sie habe ein gutes Werk getan. Wenn man das nicht begreift, kann man das ganze Drama nicht verstehen. Die Nonne nahm einer Frau ihr Baby weg, weil diese in ihren Augen nicht als Mutter taugte – die Frau war für sie eine Prostituierte, eine Sünderin, und das Kind war eine Frucht der Sünde. Sie rettete also das Kind und konnte es sozusagen den Heiligen übergeben, wohlhabenden Leuten, die in die Kirche gingen. Das war ihre Überzeugung.»

In vielen Ländern gab es Fälle von Babyraub, Irland erlangte in diesem Kontext traurige Berühmtheit, ebenso Argentinien oder Australien; aber nirgendwo auf der Welt verschwanden so viele Babys wie in Spanien – von 300 000 Kindern ist die Rede. Und nirgendwo sonst widerfährt den Opfern so wenig Gerechtigkeit.

Wie die Kirche denkt auch der spanische Staat bis heute nicht daran, die Opfer des Franquismo um Verzeihung zu bitten, geschweige denn sie zu rehabilitieren. Das Land hat seine Geschichte verdrängt und seine Toten mit dem Leichentuch des Schweigens bedeckt, im Glauben, nur so einen versöhnlichen Übergang von der Diktatur zur Demokratie zu schaffen. Anders als in Deutschland, wo die Geschichte des Nationalsozialismus zum Pflichtstoff in den Schulen gehört, erfahren spanische Kinder nur wenig über den Diktator, der ihr Land fast vierzig Jahre lang beherrschte.

Ein Amnestiegesetz verhindert, dass die Verantwortlichen des Franco-Regimes zur Rechenschaft gezogen werden. Diese Amnestie nach dem Tod des Caudillo sei in Amnesie übergegangen, hat der Schriftsteller Jorge Semprún über den Schweigepakt der transición – den Übergang von der Diktatur zur Demokratie – einmal gesagt. Doch kollektives Vergessen kann nicht per Gesetz beschlossen werden.

Ein Riss geht durch die spanische Gesellschaft. Zwei politische Blöcke stehen sich unversöhnlich gegenüber, und wer es wagt, an den Wunden der Vergangenheit zu kratzen, muss mit Konsequenzen rechnen. Vielleicht erklärt es sich so, dass der Kinderraub die im Wegsehen geübte spanische Gesellschaft nicht wirklich erschüttert und keinen Eingang ins kollektive Gedächtnis der Spanier gefunden hat.

Der spanische Richter Baltasar Garzón war der erste Jurist, der es 2008 wagte, die Verbrechen der Franco-Diktatur zu untersuchen; ihm wurden die Ermittlungen entzogen, weil er Gräber öffnen liess und sich mit seinen Nachforschungen über das Amnestiegesetz von 1977 hinweggesetzt habe. Doch Garzón definiert das, was im Bürgerkrieg und danach passierte – auch die Entführung der Kinder politisch links stehender Eltern – als Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das nicht verjährt.

1998 liess Garzón den chilenischen Ex-Diktator Pinochet in London festnehmen. Im Ausland wurde er als Held der Menschenrechtsbewegung gefeiert und für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Doch in seiner Heimat stand Garzón wenige Jahre später als Angeklagter vor dem obersten spanischen Gericht. Bei Ermittlungen in einer Korruptionsaffäre, in welche die konservative Regierungspartei verstrickt war, soll er Rechte Verdächtiger verletzt haben. 2012 wurde er deshalb vollends seines Amtes enthoben und mit einem elfjährigen Berufsverbot belegt. Mit seinem Karriere-Aus ruht auch die juristische Aufarbeitung der Verbrechen der Franco-Zeit.

Der ehemalige Richter – heute weltweit als Anwalt für Menschenrechte aktiv – beklagt, bis heute seien noch Geheimdokumente aus der Zeit des Bürgerkrieges und des Franquismo unter Verschluss:

«Das interessiert doch keinen, heisst es dann, da sollen sich die Historiker drum kümmern. Aber das bedeutet, dass wir unsere eigene Geschichte umschreiben! Einmal kamen eine 100-Jährige und eine 99-Jährige zu mir, die beiden wollten eine DNA-Probe abgeben, falls ihre im Bürgerkrieg ermordeten Angehörigen eines Tages in einem Massengrab gefunden werden sollten. Ich ging dann zu einem Richter, und der sagte den Satz: Das eilt doch nicht, das können wir auch noch machen lassen, wenn die beiden tot sind. So läuft das in Spanien. Es ist kein Wille zur Reue vorhanden, kein Gefühl dafür, dass man sich bei den Opfern entschuldigen müsste. Das ist das grosse Problem – oder sagen wir: eines der grossen Probleme.»

Die Zahlen geben Garzón recht: Rund 2000 Ärzte und Nonnen aus 175 spanischen Kliniken und Entbindungsheimen wurden in den letzten Jahren angezeigt – über neunzig Prozent der Klagen sind abgewiesen, der Rest dümpelt vor sich hin, verloren in juristischem Kompetenz-Wirrwarr, behördlichem Desinteresse und dem Lügengespinst der Täter von einst.

Der Prozess, der nicht beginnt

Und Dr. Vela? Nach jahrelangem Hin und Her war die Klage von Inés Madrigal, die ihre leibliche Mutter sucht, endlich zugelassen worden. Madrigal musste dazu allerdings ihre Adoptivmutter Inés Pérez anzeigen, weil diese mit Dr. Vela gemeinsame Sache gemacht hatte.

Inés Pérez war verheiratet, streng katholisch, kinderlos aufgrund von Sterilität. Auf Bitten des örtlichen Pfarrers kümmerte sie sich um zwei Pflegekinder. Eines Tages fragte der Geistliche seinen Jugendfreund Dr. Vela, ob er Inés nicht zum Dank ein eigenes Kind schenken könne. Der war einverstanden und besprach alsbald Details mit ihr: Ob sie bereit sei, eine Schwangerschaft vorzutäuschen? Binden Sie sich ein Kissen um den Bauch, und erzählen Sie den Nachbarn, dass Ihnen dauernd übel ist, dann schöpft keiner Verdacht. Einige Monate später – im Juni 1969 – ein Anruf aus der Klinik San Ramón: Pérez könne ihr Baby abholen, ein Mädchen. Die Mutter, eine Prostituierte, wolle es nicht. Im Geburtsschein trug Dr. Vela Inés Pérez als leibliche Mutter ein.

All dies hat Inés Pérez zu Protokoll gegeben. Sie habe nun wenigstens ihr Gewissen beruhigt, sagte die alte Dame vor Journalisten. Im vergangenen Dezember ist sie gestorben. Der Prozess gegen Dr. Vela hätte da eigentlich bereits beginnen sollen, inzwischen ist es Mai. Ein neues Datum wurde noch nicht bekannt gegeben.

Margot Litten ist freie Autorin, sie lebt in München; margot.litten@br.de

Illustration Gregory Gilbert-Lodge