Abstrakt, Versteckt

Eine Kolumne von Hans Ulrich Obrist

Das Magazin N°20– 20. Mai 2017

Einem Künstler in der ehemaligen DDR – wie in den meisten sozialistischen Staaten – war es offiziell verboten, abstrakte Kunst zu schaffen. Das Ungegenständliche wurde als kapitalistisch und also dekadent gebrandmarkt, was auch damit zu tun hatte, dass die damals international vorherrschende Bewegung zeitgenössischer Kunst, der abstrakte Expressionismus, vor allem aus den USA kam, von denen man sich jenseits des Eisernen Vorhangs abgrenzen wollte. Karl-Heinz Adler bekam 1953 sein Diplom an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden und wurde – weil es freischaffende Künstler praktisch nicht gab – Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR. Sein Problem war nur: Er wollte abstrakte Kunst machen.

Da er das als Künstler nicht durfte, begann er sich mit Bauplastik zu beschäftigen. Im Fachbereich Architektur entwickelte er Paneele mit einfachen geometrischen Formen, mit denen man die Fassaden der damals aus dem Boden schiessenden Plattenbausiedlungen verkleiden konnte. Was auch geschah. Der Bauherr konnte sich die Fassadenplatten wie aus einem Musterkatalog auswählen und selbst auf der Fassade arrangieren. Nicht immer war das Resultat dann gelungen, wie man etwa in Berlin an manchen Stellen bis heute sehen kann; dort aber, wo Adler selbst die Elemente arrangierte, vor allem in der Siedlung Jena-Lobeda, schuf er, quasi hochoffiziell und trotzdem an der Zensur vorbei, grossformatige abstrakte Kunstwerke.

Nicht immer kam er ungeschoren davon. In Plauen, einer Stadt im heutigen Bundesland Sachsen, wurden alle Fassaden wieder mit grauen Betonplatten verhängt, mit der Begründung, es handle sich um «ein gegenstandsloses Machwerk des kapitalistischen Systems». Um seine Stellung fürchten musste Adler dennoch nicht – längst waren seine modularen Bausätze, mit denen Städte und Gemeinden ihre Plätze und Parks formschön und günstig möblieren konnten, unentbehrlich geworden. Adler konstruierte genormte Baumodule, die in einem Stecksystem zu Spielplatzrutschen, Zäunen und Brunnen montiert werden konnten.

Weil sich der Künstler Adler aus politischen Gründen hinter der Gebrauchskunst verstecken musste, wurde ihm als Vertreter der geometrisch-abstrakten Konkreten Kunst erst sehr spät die verdiente Ehre zuteil. Neunzig Jahre alt werden musste er, der Abstrakte, der durch die Hintertür kam, bis ihm die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nun endlich eine grosse Retrospektive ausrichteten.

www.skd.museum; www.eigen-art.com;
«Karl-Heinz Adler. Kunst im System. System in der Kunst», Spector Books, Leipzig 2017

Bild: Karl-Heinz Adler, Friedrich Kracht, Oppelstraße / Ringstraße, Freital, courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, Foto: Uwe Walter, Berlin