Lists Lehren

Eine Kolumne von Oliver Zimmer

Das Magazin N°20– 20. Mai 2017

Es gibt wenige Werke, die uns die geistigen und wirtschaftlichen Vorgänge des 19. Jahrhunderts klarer vor Augen führen als Friedrich Lists «Das nationale System der politischen Ökonomie». Der 1789 geborene deutsche Nationalökonom ging als leidenschaftlicher Fürsprecher der Eisenbahn und des 1834 gegründeten Zollvereins in die Geschichte ein. Wer das Hauptwerk liest, lernt List zudem als frühen Theoretiker der Globalisierung kennen.

Seine Gedanken zeigen, wie die britische Dominanz im Welthandel das Denken in nationalen Kategorien besonders in Deutschland bestärkte. Die Globalisierung war dem Nationalismus schon damals einen Schritt voraus. Der Bezugspunkt von Lists Argumentation ist die Wirtschaftstheorie Adam Smiths. List sprach von Smiths «kosmopolitischer Schule». Smith betrachte Menschen lediglich als kulturlose Wirtschaftssubjekte, klagte List.

Mit Recht wies List darauf hin, dass die Briten erst dann zum Freihandel konvertierten, als sie den Welthandel beherrschten. Deutschland dagegen würde eine solche Wirtschaftspolitik nur schaden, insistierte List. Als politisch verzetteltes Land könne es sich diesen Schritt noch nicht leisten. Für die deutsche Leinenindustrie etwa würde der Freihandel den sicheren Untergang bedeuten. Das Verschwinden dieser Industrie wäre etwa so, als ob «ein Glied von dem Körper der deutschen Nation» fiele. «Wer aber», so fragte List rhetorisch, «möchte über den Verlust eines Armes sich damit trösten, er habe doch seine Hemden um 40 Prozent wohlfeiler eingekauft?»

List war aber nicht grundsätzlich gegen Freihandel. Im Reich der «Universalunion und des ewigen Friedens», an dessen Verwirklichung List als liberaler Fortschrittsapostel glaubte, sei Handelsfreiheit das einzig vernünftige System. Der Weg zur Universalunion führte für ihn aber zwingend über ein erstarktes Deutschland, was nur durch protektionistische Massnahmen erreichbar sei. Ansonsten würde es nicht die angestrebte «Universalrepublik» geben, sondern die «Universaluntertänigkeit der minder vorgerückten Nationen» unter englischer Suprematie.

Die Eingliederung kleiner, erfolgreicher Handelsnationen wie Hollands oder der Schweiz betrachtete List als unvermeidbare Begleiterscheinung des von ihm ersehnten erstarkten Deutschland. Wie Mazzini und andere liberale Zeitgenossen hielt auch List Länder ohne eigene Nationalsprache für nicht zukunftsfähig. Im Klartext artikulierte sich sein zivilisatorisches Credo so: «Es gibt keinen besseren Beweis für die Göttlichkeit der christlichen Religion als den, dass ihre Lehren und Verheissungen mit den Forderungen der materiellen wie der geistigen Wohlfahrt des menschlichen Geschlechts in vollkommener Übereinstimmung stehen. Dass die Zivilisation aller Nationen, die Kultur des ganzen Erdballs die Aufgabe der Menschheit sei, erhellt aus jenen unabänderlichen Naturgesetzen, durch welche zivilisierte Nationen mit unwiderstehlicher Gewalt angetrieben werden, ihre produktiven Kräfte auf minder kultivierte Länder zu übertragen.»

Friedrich List ist also auch für heutige Kritiker der «Kleinstaaterei», ob in Brüssel, Berlin oder Paris, eine geistige Inspirationsquelle. Einer, der ausspricht, was sie nur zu denken wagen.