Geist oder Glück?

Eine Kolumne von Niklaus Peter

Das Magazin N°21– 27. Mai 2017

Viele zögern beim Wort Geist – und halten es lieber mit dem alten Diogenes: «Ein Tropfen Glück ist mehr wert als ein Fass voll Geist.» Denn, so sagen sie, was heisst schon Geist? Das riecht nach schwerem Bildungssaft und tranigen Büchern, während Glück, und seis nur ein Tröpfchen, nach Leben und Heiterem schmeckt. Soll uns da nicht ein Tropfen Glück lieber sein als Geist in Fassstärke? Aber eben, das ist ein falscher Gegensatz. Denn gibt es Erfahrungen des Glücks ohne Erfahrungen des Geistes?

Für mich sind die schönsten und auch glücklichsten Erfahrungen meines Lebens mit Geistigem verbunden. Geist bedeutet: Du bleibst nicht in deinem Kabäuschen sitzen – ein anderer Mensch, ein überraschendes Wort, ein Gottesdienst, ein Kunstwerk, irgendwas bringt Bewegung in dich. Wie bei einem Windstoss öffnen sich Fenster, dir geht etwas auf. Ein neuer Horizont zeigt sich: überraschende Erfahrungen, etwas, das dich inspiriert, deine Routinen, Sichtweisen und Gefühle, deine Verzagtheit aufmischt und durcheinanderwirbelt. Und plötzlich merkst du: Das ist ja geheimnisvoll und spannend, das hat etwas mit Wahrheit und Sinn, mit göttlichen Höhen und menschlichen Tiefen zu tun, das verbindet dich mit anderen Menschen; da entwickeln sich gemeinsame Energie, geteilte Hoffnung, da wächst Neues. Weshalb nur habe ich so lange in meiner schlecht gelüfteten Stube gesessen und vor mich hin gebrütet? Hinaus ins Offene also! – in einer Woche ist Pfingsten, das Fest des Geistes.

Ein weiteres Argument für den Geist: Er öffnet den Blick auf freie Religion. Seit etwa 200 Jahren ist  daher der Begriff des Geistes auch prägend geworden für ein neues, undogmatisches Religionsdenken. Dazu ein wunderbares Buch, 1799 erstmals aufgelegt, geschrieben von dem Theologen Friedrich Schleiermacher. Es trägt den Titel  «Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern». Dabei handelt es sich um fünf fulminante Reden an gebildete Religionsverächter. Angesprochen sind «Gebildete» mit ihren wasserdichten Weltanschauungen, welche Religion als veraltete und verächtliche Sache ansehen, als etwas, das durch moderne Wissenschaft und Ethik längst überwunden sei. Schleiermacher zeigt rhetorisch sehr geschickt, geistvoll und nicht ohne herrliche Frechheiten, dass Religion nicht identisch ist mit dogmatisch verkrustetem Glauben. Vielmehr setzt er radikal bei Erfahrungen des Geistes an. Religiosität habe im Kern nichts mit autoritären Dogmen und verklemmter Moral zu tun, sie sei die höchst individuelle Erfahrung des Universums, des uns geheimnisvoll Übersteigenden – ein mystisches Erlebnis, zart, volatil und individuell: «Denn der Geist lässt sich weder in Akademien festhalten noch der Reihe nach in bereitwillige Köpfe ausgiessen, er verdampft gewöhnlich auf dem Wege aus dem ersten Munde in das erste Ohr.»

Religion also heisst für Schleiermacher nicht: Du musst dies und jenes glauben. Sondern: Achte auf deine hellen Erfahrungen, hier liegt der geistige, zarte Kern des Glücks.