Von Kai Strittmatter

Das Magazin N°21– 27. Mai 2017

Ist doch ganz einfach, sagt in Peking der Professor. «Es gibt gute Menschen, und es gibt schlechte Menschen. Nun stell dir eine Welt vor, in der die Guten belohnt und die Schlechten bestraft werden.» Eine Welt, in der jener den Vortritt hat, der Vater und Mutter ehrt, immer den Zebrastreifen benützt beim Überqueren der Strasse und stets seine Rechnungen bezahlt. In der ein solcher Mensch im Zug die «Weich schlafen»-Klasse kaufen darf und bei der Bank den Kredit bekommt – und der andere eben nicht: der Nachbar, der bei der Hochschulaufnahmeprüfung geschummelt hat, der sich raubkopierte Filme herunterlädt und dessen Frau gerade ein unerlaubtes Kind zur Welt gebracht hat. Eine Welt, in der ein allwissender und allsehender Mechanismus vielleicht mehr weiss über dich als du selbst. Ein Mechanismus, der dir dabei helfen kann, dich zu bessern, weil er dir zu jedem Zeitpunkt genau sagt, was du tun kannst, um doch noch ein Ehrlicher, ein Vertrauenswürdiger zu werden. Sag, wäre das nicht eine gerechte, eine harmonische Welt?

Ehrlichkeit. In Shanghai gibt es dafür jetzt eine App. «Ehrliches Shanghai». Du lädst sie herunter. Dann meldest du dich an. Die App scannt dein Gesicht. Erkennt dich. Und ruft die Daten ab. Im Moment können sie pro Bürger exakt 5198 Einzelinformationen von insgesamt 97 Ämtern und Behörden liefern, teilt die Shanghaier Kommission für Wirtschaft und Information mit. Das ist die Behörde, von der die Daten stammen, sie hat die App vorgestellt. Stromrechnung bezahlt? Blut gespendet? Mit den Steuern im Rückstand? Schwarz U-Bahn gefahren? Die App speist dein Tun ein. Rechnet. Und spuckt schliesslich das Resultat deiner Einträge aus: Gut. Ohne Kommentar. Oder: Schlecht. Und wenn du ein guter Shanghaier bist, darfst du zum Beispiel in den städtischen Büchereien Bücher ausleihen, ohne die sonst obligatorischen 100 Yuan Kaution zu hinterlegen.

Die App ist eine Spielerei, freiwillig. Die Teilnahme am System dahinter ist es nicht. Es erfasst schon jetzt jeden einzelnen Bürger der Stadt. Shao Zhi Qing von der Wirtschafts- und Informationskommission legt Wert auf die Feststellung, dass nicht seine Behörde die Bürger bewerte. Das, sagt er, machten die Drittanbieter, denen sie die Daten liefern. Die Algorithmen. Der App-Betreiber. Das System aber, das die Daten liefert, werde China zweifelsohne verändern. «Erst einmal geht es uns um die Frage: Bist du ein vertrauenswürdiger Mensch?», sagt Shao. «Es geht um die Ordnung des Marktes, und letztlich geht es um nicht weniger als die Ordnung der Gesellschaft.»

Später, im Städtchen Rongcheng, wird ein Beamter sagen: «Wir wollen die Menschen zivilisieren.» Es geht, einmal mehr in China, um den neuen Menschen.

Aufgepasst: China. Da geschieht gerade Grosses. Gabs noch nie. Gibts noch nirgends. Professor Zhang Zheng in Peking ist guter Laune. Aufgeregt gar. Warum lernen wir nicht einfach den Menschen besser kennen? Nicht nur sein Gestern und sein Heute, wie wir das bislang zu tun pflegten. «Wichtiger ist doch, uns sein Morgen anzusehen.» Sein Morgen? Sein künftiges Handeln. Das System soll sie erkennen, die schlechten Menschen, die schlechten Unternehmen, die schlechten Beamten, die Vertrauensbrecher. Und von ihrem schädlichen Tun abhalten. So nennt sie das System: Vertrauensbrecher. Im Kern, sagt der Professor, gehe es um genau das: um Vertrauen.

China konstruiert gerade eine Gesellschaft, wie sie die Welt so noch nicht gesehen hat. Eine Diktatur, die sich digital neu erfindet. Die den Menschen bis in den letzten Winkel seines Gehirns durchleuchtet. Mithilfe von Big Data. Und ihn dann bewertet, nach Wohlverhalten, und zwar mithilfe von Computerprogrammen, in jedem Augenblick seines Daseins. Ein jeder Bürger erhält einen Bewertungsstempel aufgedrückt, der seine neue Identität wird, der letztlich über seine Teilhabe am Alltagsleben und über seinen Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen entscheidet.

Der Professor lehrt Wirtschaft. Nicht irgendwo, Zhang Zheng ist Dekan der ökonomischen Fakultät an der Peking-Universität, Chinas berühmtester Hochschule. Er ist auch Parteisekretär der Fakultät. Zhang Zheng reist viel, Japan, USA, er kennt die Welt, er ist neugierig, geschmeidig, mitunter auch kritisch. Europäische Länder, sagt er, hätten doch auch ein Auskunftssystem, mit dem Banken und Unternehmen die Kreditwürdigkeit eines Antragstellers überprüfen. «Natürlich ist die Finanzhistorie wichtig. Also ob Sie Ihre Schulden pünktlich bezahlen.» Zhang blickt einen an: «Sagen Sie selbst: Wie Sie Ihre Eltern behandeln und Ihren Ehepartner, all Ihr soziales Handeln, ob und wie Sie moralische Regeln einhalten – sagt das nicht auch Entscheidendes aus über Ihre Vertrauenswürdigkeit?»

Rongcheng, sagt der Professor dann. «Rongcheng. In der Provinz Shandong. Fabelhaft.» Eine kleine Stadt an Chinas Ostküste. 600 000 Einwohner. Ein Schwanenreservat. Ein Atomkraftwerk. Ein Amt für Ehrlichkeit. «Fahren Sie hin. Schauen Sie sich das an. Pioniere sind das.» Chinas Morgen, hier wird es geprobt.

Rongcheng also. Pilotprojekt, eines von etwa drei Dutzend in China. Hier basteln sie am ehrlichen Menschen. «Das muss erst einmal in die Leute hineinsinken, was wir hier tun», sagt Direktor Huang Chunhui. Sein Amt ist nun übrigens nicht mehr das Amt für Ehrlichkeit. «Das klang uns später doch zu vage», sagt der Direktor. Sie sind jetzt das «Amt für Kreditwürdigkeit». Und sie arbeiten am «System für soziale Vertrauenswürdigkeit», so heisst der Mechanismus, der in ganz China für jeden einzelnen Bürger bis 2020 Wirklichkeit werden soll.

Direktor Huang nimmt ein Blatt, zeichnet ein Ei, kappt dann mit dem Stift die Spitze und den Boden. Das sei die Gesellschaft, sagt er. Oben an der Spitze die Musterbürger. «Unten am Boden die, die wir erziehen müssen.» Dann erklärt er das System. Jedes Unternehmen und jeder Bürger nimmt teil. Jeder wird bewertet. Jederzeit. Dazu erhält er ein Punktekonto. In Rongcheng startet einer mit 1000 Punkten. Dann kann er sich verbessern. Oder verschlechtern. Wird hochgestuft oder abgewertet.

Du kannst ein AAA-Bürger sein (ein «Vorbild an Ehrlichkeit», mehr als 1050 Punkte). Oder ein AA («Ausgezeichnete Ehrlichkeit»). Du kannst aber auch abrutschen zu einem C (unter 849 Punkte, «Warnstufe»). Oder gar zu einem D (weniger als 599 Punkte, «Unehrlich») – dann kommt dein Name auf eine schwarze Liste, die Öffentlichkeit wird über deinen Status informiert, du wirst zum «Objekt signifikanter Überwachung». So steht es im Handbuch der «Verwaltungsmassnahmen zur Vertrauenswürdigkeit natürlicher Personen» der Stadtverwaltung Rongcheng.

Was für einer sind Sie denn, Herr Direktor? «Hm», sagt er. «Das letzte Mal, als ich nachschaute, war ich, glaube ich, AAA.» Er zieht eine Plastikkarte hervor. «Hier, das ist der Ausweis für unser öffentliches Fahrradleihsystem. Als AAA muss ich keine Kaution hinterlegen und darf eineinhalb Stunden am Stück kostenlos radeln.» Einer seiner Untergebenen eilt zu Hilfe, zitiert aus dem Gründungsdokument des Systems: «Die Vertrauenswürdigen sollen frei unter dem Himmel umherschweifen können, den Vertrauensbrechern aber soll kein einziger Schritt mehr möglich sein.» Der Direktor nickt.

Warum China? «Unsere Gesellschaft ist noch unreif, unser Markt chaotisch», sagt in Peking Professor Zhang Zheng. Er nennt die schnelle Urbanisierung, die Umwälzungen der letzten Jahrzehnte. Tatsächlich steckt das Land in einer Vertrauenskrise. Jeder misstraut jedem. «Der Ehrliche ist der Dumme», so beschrieb Wang Junxiu, einer der Autoren eines Blaubuchs der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften CASS über die «Seelische Verfasstheit der chinesischen Gesellschaft», die Stimmung in China bei der Vorstellung des Berichts vor vier Jahren.

Manche verorten die Wurzeln des allgegenwärtigen Misstrauens in den Politkampagnen der Vergangenheit, allen voran in der Kulturrevolution, die im Namen des Messias Mao jeden gegen jeden hetzte: Kinder gegen ihre Eltern, Frauen gegen ihre Männer. CASS-Autor Wang zeigte mit dem Finger auch auf das System heute: «Betrüger werden nicht zur Rechenschaft gezogen, die öffentliche Macht verletzt selbst das Gemeinwohl.» Der Bericht von 2013 stellte fest, der chinesischen Gesellschaft fehle ein Bürge, ein Garant für Fairness, und schlug als Ausweg den Ausbau des Rechtsstaates vor. Es war das Jahr, in dem solch offene Worte noch möglich waren. Das Jahr, in dem im Netz ein Aufsatz des Pekinger Soziologen Sun Liping von der Tsinghua-Universität kursierte, in dem es hiess: «Ein Land, in dem selbst Lehrer und Mönche korrupt sind, ist bis in den Kern verrottet.»

Es war auch das Jahr, in dem der neue Partei- und Staatschef Xi Jinping sein Amt antrat. Der die Herausforderung sah. Den kompletten Vertrauensverlust, der die Herrschaft seiner Partei zu untergraben drohte, der aber auch einem Ausbau des Marktes in China im Weg steht, also dem Wirtschaftswachstum. Giftige Lebensmittel, verseuchte Umwelt, Pfusch am Bau – in Chinas Wildwest-Kapitalismus rechtfertigt der Profit viele Schandtaten. Zum Rechtsstaat hat Xi ein eigenes Verhältnis: Er schätzt ihn vor allem als «Heft des Messers in der Hand der Partei». Eine unabhängige Justiz ist nicht Xis Sache. Er begegnete der Herausforderung auf seine Art. Unter Xi hat die Repression zugenommen. Er predigt mehr Moral, mal mit Mao, mal mit Konfuzius. Und er praktiziert mehr Kontrolle und Überwachung. Das «System der sozialen Verantwortung» kombiniert beides – und baut einen Turbo ein: Big Data. «Lug und Trug» soll es ausmerzen, heisst es in dem Grundlagenpapier, «die Ehrlichkeit und Qualität der Nation steigern» und eine «harmonische sozialistische Gesellschaft» befördern.

Und? Klar, das funktioniert, sagt in Rongcheng Direktor Huang. Er fängt bei den roten Ampeln an: Die waren vielen Autofahrern früher egal, schulterzuckend bezahlten sie ihre Strafzettel. «Das wagt jetzt keiner mehr. Weil sie in der Bewertung abrutschen würden.» Nachfrage auf der Strasse. Die ersten beiden Rongchenger haben noch nie von sozialer Vertrauenswürdigkeit gehört. «Wie heisst das?» Wissen sie, dass ihr ganzes Leben längst vom System gesammelt und ausgewertet wird? «Im Ernst?», sagt der Dritte, ein Herr Wang, der als Fahrer arbeitet. «Aber jetzt, wo Sie es sagen: Die Verkehrsregeln werden strenger überwacht. Daher fahre ich auch so langsam. Ich finde das richtig. Eine vertrauenswürdige Gesellschaft ist doch gut.»

In der Nachbarschaft «Morgenröte», einen Steinwurf vom Amt für Kreditwürdigkeit. Gepflegter Rasen, neue Apartmentblocks für 5000 Familien, 12 000 Einwohner. Vor den Häusern VWs, Toyotas, der eine oder andere BMW. Chinas neue Mittelschicht. «Früher kannten die Leute keine Grenzen», sagt Sekretär Dong. «Jetzt ist die Moral zurückgekehrt.» Er muss das wohl sagen, Dong Jiangang ist hier Parteisekretär. «Wir errichten eine ehrliche Nachbarschaft.» Dong deutet auf eine grosse Tafel, an der jeder vorbeimuss. «Hier listen wir die Vertrauensbrecher auf.»

Also. Frau Wang hat ihren Hund seinen Haufen auf den Rasen setzen lassen. Macht 5 Punkte Abzug.

Herr Sun hat im Winter Wasser vor die Eingangstüre gekippt, das dann zu Eis gefror. 5 Minuspunkte.

«Die schämen sich bestimmt», sagt Parteisekretär Dong. «Aber schauen Sie mal hier.» Jetzt lächelt er.

Herr Zhou half einem alten Paar beim Umzug. 5 Pluspunkte.

Familie Yu stellte ihren Keller zum gemeinschaftlichen Singen roter Lieder aus der Revolutionszeit zur Verfügung. 5 Pluspunkte.

Pluspunkte kriegt auch, wer Schnee schaufelt, mit den Alten zum Arzt geht, den Jungen beim Lernen hilft.

Sekretär Dong kommt zu seinen Stars. Die mit mehr als 1000 Punkten. Die eine Plakette verliehen bekommen: «Ehrlichkeitsvorbild-Familie». Der alte Qin Zhiye ist so ein Vorzeigebürger. 64 Jahre alt, im Ruhestand, selbst Parteimitglied. Er bittet die Gäste auf das Sofa seiner neuen Wohnung. Qin lebt seit sieben Jahren in der Siedlung: «Ich habe hier ein Gefühl für jeden Grashalm und für jeden Baum.» Natürlich habe das System das Zusammenleben verbessert, sagt er. «Wenn du nämlich viele Minuspunkte hast, dann tuscheln die andern über dich: Guck mal, der da, das ist ein B. Oder ein C. Manchmal reicht es, wenn wir die Leute warnen: Du, wir stufen dich runter. Dann erschrecken sie.»

Sie haben die Siedlung in Zellen eingeteilt. 400 Familien sind eine Einheit. «Die achten dann aufeinander», sagt Sekretär Dong. «Da haben wir Leute, die inspizieren ihren Block, die befragen andere, machen Fotos und Videos von Missetaten.» Auch das Zellenraster soll im ganzen Land eingeführt werden. Solche Systeme haben Tradition in China. Schon der Fürstenberater Shang Yang, der im 4. Jahrhundert v. Chr. die Basis schuf für Chinas Reichseinigung und die Herrschaft des ersten Kaisers, liess das Volk in Gruppen von fünf bis zehn Familien einteilen. Sie überwachten und denunzierten einander, und beging einer einen Fehltritt, wurden alle bestraft. «Wenn die Strafen schwer sind und die Schuld kollektiv trifft, wird das Volk nicht einmal den Versuch (einer Straftat) wagen», heisst es in einer Schrift von damals.

Im Handbuch der Stadt Rongcheng heisst es, man wolle vor allem «mit Ansporn» arbeiten. Bestrafungen seien nur «als Hilfe» gedacht. «Unser Ziel ist es, das Verhalten der Leute zu normieren», sagt Morgenröte-Parteisekretär Dong. «Wenn sich alle der Norm gemäss verhalten, ist die Gesellschaft automatisch stabil und harmonisch. Dann ist meine Arbeit viel einfacher.» Er erzählt von den Eltern, die zu ihm kämen, um sich vor der Hochzeit des Kindes über den Punktestand eines potenziellen Schwiegersohnes oder einer Schwiegertochter zu erkundigen. Auf dem Sofa lacht jetzt Musterbürger Qin. Und Sekretär Dong ruft: «Grossartig, oder? Aber so ist unsere Partei: Wenn du Gutes tust, tut sie dir auch Gutes.» Und wenn ich Schlechtes tue? «Dann darfst du irgendwann in kein Flugzeug mehr steigen und in keinen Schnellzug. Und ich stelle dich nicht ein bei mir hier.»

Genauso steht das in den «Verwarnungs- und Bestrafungsmechanismen für Vertrauensbrecher», die das Zentralkomitee der KP und der Staatsrat im Oktober letzten Jahres veröffentlichten. Betrügerischen Firmen droht der Ausschluss von staatlichen Ausschreibungen. Und Bürger, die ihr Vertrauen verwirkt haben, können sich nicht für Regierungsjobs bewerben. Der Zugang zu Versicherungen und Krediten wird ihnen erschwert oder verwehrt. Ebenso Autokauf und Hausbau. Sie dürfen nicht mehr fliegen und bekommen keine Tickets mehr für Hochgeschwindigkeitszüge. Ihr Internetzugang wird eingeschränkt. Sie sollen nicht mehr in Luxushotels und exklusiven Restaurants essen. Ihnen selbst wird die Ausreise aus China, ihren Kindern der Zugang zu teuren Schulen versagt.

Noch ist nicht klar, wie das System am Ende im Detail aussehen wird. Dutzende unterschiedlicher Pilotprojekte arbeiten im Moment nebeneinanderher. Sicher ist: Hier entsteht etwas komplett Neues. Einzelne Puzzleteile sind dabei altbekannt. Ein Belohnungssystem, das konformes Verhalten auszeichnet, das einen Malocher zum «Arbeiterhelden» kürt oder eine Familie zum «Hygienevorbild», das gibt es seit Jahrzehnten. Eine schwarze Liste von säumigen Schuldnern führt der Oberste Gerichtshof seit 2013: Bereits 6,73 Millionen Chinesen sei daher schon der Zugang zu Flugzeugen und Schnellzügen versperrt worden, teilte das Gericht kürzlich mit. Ebenfalls 2013 trat das Gesetz in Kraft, das Chinas erwachsenen Kindern die Sorge um ihre greisen Eltern bei Strafandrohung zur Pflicht macht. Ein Überbleibsel aus maoistischen Tagen ist die Akte (dang’an), die das Leben jedes Einzelnen begleitet, die seine Vorlieben und Abneigungen verzeichnet, seine Laufbahn und seine politische Zuverlässigkeit, ohne dass der Einzelne sie je zu Gesicht bekäme. Nur war sie bisher aus Papier  und überhaupt zuletzt ziemlich verstaubt und fast schon vergessen.

Neu ist die Vernetzung von allem mit allem: Big Data und Internet sollen Daten liefern, zunehmend auch das Internet der Dinge – die Leihradfirma Ofo stellte im Mai ihr neuestes Fahrradmodell vor und verkündete dabei stolz, der Sender des Rads übermittle in Echtzeit nicht nur das Bewegungsprofil, sondern auch «die Körperhaltung» des Radlers an die Cloud. Neu ist auch das: Datenjäger und Datenrichter ist der in jeder Millisekunde wachsame Algorithmus. Die Richtlinien von 2016 führen im Punkt «Beschleunigung der Bestrafungssoftware» aus, Ziel seien «die automatische Verifizierung, die automatische Überwachung und die automatische Bestrafung» eines jeden Vertrauensbruchs, egal wo und zu jedem Zeitpunkt. Obwohl die Regierung seit drei Jahren intensiv an dem System arbeitet, haben die meisten Chinesen bis heute nie davon gehört. «Ach», sagt ein Freund in Peking und winkt ab. «Vor diesem Staat sind wir doch eh alle nackt.» Die Erwartungen an die eigene Privatsphäre sind in China generell gering und von Fatalismus durchwirkt.

Es hat schon seine Gründe, dass die Partei mit einem Enthusiasmus sondergleichen auf die neuen Technologien aufspringt. 731 Millionen Chinesen waren 2016 online, meist über ihr Smartphone. Beim elektronischen Geldverkehr, bei der Entwicklung von Finanz-Apps hat China den Rest der Welt längst abgehängt. «Wenn du China verlässt», hiess es vor Kurzem in der «Financial Times», «hast du das Gefühl, du gehst zurück in der Zeit.» Der Sicherheitsapparat berauscht sich heute an den Möglichkeiten von Big Data. «Big Data offenbart einem die Zukunft», frohlockte Ende 2015 Wang Yongqing, Generalsekretär des mächtigen Parteikomitees für Politik und Recht im Theorieorgan der KP, «Wahrheitssuche». Er forderte, die Partei müsse «eine vollständige Sammlung anlegen von grundlegenden Informationen über alle Orte, alle Sachen, alle Angelegenheiten und alle Menschen: von den Trends und Informationen darüber, was sie essen, wie sie wohnen, wohin sie reisen und was sie konsumieren». Das nämlich mache «unser Frühwarnsystem wissenschaftlicher, unsere Abwehr und Kontrolle effektiver und unsere Schläge präziser.»

Drei Billionen US-Dollar wechselten im vergangenen Jahr in China bargeldlos die Hand, zwanzigmal so viel wie vier Jahre zuvor. Das meiste über Smartphones. Marktführer mit 450 Millionen aktiven Kunden ist Alipay, dahinter steht der Hangzhouer Alibaba-Konzern. Teil von Alipay ist das Programm Sesame Credit, das in China bekannteste Beispiel eines von der Regierung lizenzierten Pilotprojekts zur sozialen Vertrauenswürdigkeit. Jeder Alipay-Kunde kann für sich Sesame Credit aktivieren und wird dann eingestuft auf einer Skala zwischen 350 und 950 Punkten. Der Algorithmus ist auch hier geheim, aber die Macher haben öffentlich fünf Säulen für seine Bewertung angegeben: neben der Identität eines Nutzers, seiner Kreditgeschichte und seinem Finanzstatus zählen dazu auch seine «Verhaltensvorlieben» und seine «persönlichen Netzwerke». Li Yingyun, technischer Direktor des Projekts, nannte folgende Beispiele: «Jemand, der zum Beispiel zehn Stunden am Tag Videospiele spielt, würde wohl als unproduktive Person eingestuft, wer hingegen oft Windeln einkauft, der würde wahrscheinlich erkannt als Elternteil mit einem grösseren Sinn für Verantwortung.»

Sesame Credit arbeitet unter anderem mit Chinas grösster Online-Partnervermittlung Baihe zusammen: Die Partnersuchenden dort können mit ihrem Punktestand für sich werben. Alipay und Wechat planen beide eine massive Expansion im Westen. An vielen Orten in den USA oder in Europa können Chinas Reisende längst mit Alipay bezahlen, im Gegenzug schickt die App nicht nur ihre Transaktions-, sondern auch ihre Geodaten in Echtzeit zurück nach China.

Die Macher betonen die Vorteile der «sozialen Vertrauenswürdigkeit»: Das System beschneide im Markt die schlimmsten Auswüchse von Betrug, der China im Jahr mindestens 90 Milliarden Dollar koste. Und es öffne – über den elektronischen Geldverkehr – den Zugang zu Krediten für mehrere Hundert Millionen Unterprivilegierte – Bauern, Arbeiter oder Studenten, die bislang keine Chance hatten, ihre Kreditwürdigkeit zu belegen. Es ist auch ein Konjunkturprogramm, soll den Konsum entfesseln.

Andere fürchten sich. Sehen die Rückkehr des Totalitarismus im digitalen Gewand. «Gruselig» nennt der Schriftsteller und Essayist Murong Xuecun das System. «Sie sprechen von Vertrauen, in Wirklichkeit geht es ihnen um Kontrolle, darum, dein Innerstes auszuleuchten. Was passiert, wenn du dich als junger Mensch einmal falsch im Internet äusserst? Gut, verhaftet wirst du wohl nicht gleich. Aber vielleicht entziehen sie dir deinen Pass. Oder deinen Führerschein. Vielleicht frieren sie dein Bankkonto ein.» Der 43-jährige Murong Xuecun hat seine Erfahrungen mit Zensur und Repression: Mit sechs Millionen Followern war er noch 2013 einer der bekanntesten Autoren auf Weibo (Chinas Gegenstück zu Twitter), ein Querkopf voller Scharfsinn und Sarkasmus. Bis die Regierung ihm über Nacht alle Konten sperrte. Seither lässt sie ihn auch keine Romane oder Drehbücher mehr veröffentlichen. Jetzt schlägt er sich so durch, vertreibt im Internet mal Kosmetika, mal Erdbeeren oder Honigmelonen. Zum Interview kam Murong Xuecun mehr als eine Stunde zu spät: Agenten der Staatssicherheit hatten die Verabredung mit dem Reporter auf Chinas populärstem Messaging-Dienst Wechat mitgelesen und versucht, Murong Xuecun zur Absage zu bewegen.

Nach vier Jahren anziehender Zensur und Repression unter Xi Jinping sind in China öffentliche Debatten zu heiklen Themen weitgehend verstummt: Viele ducken sich weg. Der eine oder andere tröstet sich im Moment noch mit dem Gedanken, das System möge nie funktionieren. Weil die technischen Herausforderungen – die Zusammenführung aller Daten, ihre Qualität, die angemessene Evaluation – gross sind. Und weil die KP auf eine lange Geschichte von Zivilisierungsanstrengungen an ihrem Volke zurückblickt, die jenes ungerührt an sich abperlen liess: Nach unzähligen Kampagnen spucken noch immer Pekinger auf die Strasse, und noch immer spazieren Shanghaier am helllichten Tag im Pyjama zum Metzger.

Gut möglich, dass von den zwei Kernzielen des Projekts – die soziale Vertrauenswürdigkeit und die politische Kontrolle – am Ende das erste scheitert, das zweite jedoch wunderbar funktioniert. Das neue System hat bereits Berufsgruppen identifiziert, die besonders beobachtet werden sollen: Ärzte und Lehrer sind darunter, Rechtsanwälte und Journalisten.

Die Stabilität erhalten: Das ist die Mission, die die Partei dem Sicherheitsapparat aufgetragen hat. Seit den Umstürzen des Arabischen Frühlings perfektioniert die KP die Überwachung. Im Oktober 2015 verkündeten die Behörden stolz, die Überwachung der Stadt Peking mit Kameras sei nun «vollständig».Besondere Energie verwendet Chinas Staatssicherheit seit ein paar Jahren auf das Feld des «Predictive Policing»: Mögliche Verbrecher sollen – wie in Steven Spielbergs «Minority Report» – erkannt und unschädlich gemacht werden, lang bevor sie ihr Verbrechen begehen. Chinas private Internetkonzerne wie Baidu, Tencent oder Alibaba haben schon erklärt, die Partei dürfe sich selbstverständlich ihrer Spitzentechnologien und Datenschätze bedienen, im Gegenzug winkt ihnen der Zugang zu bislang verschlossenen Regierungsdatenbanken. Jack Ma, Gründer und Chef von Chinas grösstem E-Commerce-Konzern Alibaba, forderte die Sicherheitsbehörden letzten Oktober gar ausdrücklich dazu auf, Chinas «einzigartige» Datensammelkapazitäten stärker zu nutzen, um Verbrecher und Terroristen schon vor der Tat als solche zu erkennen. Bloss: Wer ist ein Verbrecher und wer ein Terrorist in diesem Staat? Die Antwort gibt am Ende die Partei.

Zum Vertrauensbrecher wird deshalb auch, wer online «Gerüchte» verbreitet. Oder wer auf dem Mikrobloggingdienst Weibo Kommentare schreibt, die «einen schädlichen Einfluss auf die Gesellschaft» haben. Zhang Zheng, der Ökonom und Professor von der Peking-Universität, ist einer der Berater für das System. Er schwärmt von den Chancen, davon, dass man damit endlich pfuschenden Unternehmen, bestechlichen Ärzten, prügelnden Lehrern und korrupten Beamten Einhalt gebieten könne. Zhang Zheng weist aber auch auf die Gefahren hin. Er warnt vor einer riskanten Konzentration staatlicher Macht, vor ihrem Missbrauch. Genau deshalb, sagt er, sei er gegen die Einrichtung einer einzigen zentralen Datenbank im Herzen Pekings, in der am Ende die Daten aller anderen Datenbanken landesweit eingespeist werden. Es wäre das allwissende Gehirn der Gesellschaft Chinas. «Wir finden so eine Datenbank gefährlich», sagt Zhang Zheng. Wer ist denn «wir»? «Wir Akademiker», sagt er. Es gebe aber, sagt er dann, «auch andere Stimmen».

Es ist kein Geheimnis, dass die wirklich mächtigen Kräfte in Peking genau auf eine solche zentrale Datenbank hinarbeiten. Irgendwann sagt der Professor: «Unser grosses Problem ist, dass wir uns an niemandem orientieren können. Das hier ist Neuland.» Er lehnt sich vor. «Aber das macht die Sache auch so spannend. So ein System gab es noch nie in der Geschichte der Menschheit. Und noch nirgendwo auf dem Erdball. Wir sind die Ersten! Wie aufregend!», platzt es aus ihm heraus.

Die Ersten. Ein schwarzer Spiegel für unsere Demokratien, wo manche Konzerne und Behörden ihre eigenen Big-Data-Träume träumen. Und eine Verlockung für andere: «Chinas IT-unterstützter Autoritarismus», prophezeit die Berliner Denkfabrik Merics, «wird zum Vorbild und Technologielieferanten für andere autoritäre Länder werden.»

In China denken manche schon einen Schritt weiter. Vielleicht müsse man in einigen Jahrzehnten gar nicht mehr über das System und seine Regeln sprechen, hatte in Shanghai Zhao Ruiying gesagt, die als Abteilungsleiterin zuständig ist für die Umsetzung des Systems in der Stadt. «Vielleicht gelangen wir an einen Punkt, an dem keiner es mehr wagt, an einen Vertrauensbruch zu denken. Ein Punkt, an dem keiner mehr überhaupt auf die Idee kommt, unserer Gemeinschaft zu schaden. An dem Punkt wäre unsere Arbeit getan.»

Kai Strittmatter ist China-Korrespondent des «Tages-Anzeigers» und der «Süddeutschen Zeitung».