Von Christof Gertsch und Mikael Krogerus

Das Magazin N°29/30 – 22. Juli 2017

12. Ist er gedopt?

Um zu Andre Lowe zu gelangen, muss man einen Vorraum passieren, über den drei Sicherheitsangestellte wachen, dann eine metallene Drehtür, die sich nur mit zwei verschiedenen Badges öffnen lässt. Anschliessend nimmt man den Lift in den vierten Stock und betritt das Entrée der Redaktion von «The Gleaner», der ältesten Zeitung Jamaikas.

Die Berichterstattung von «The Gleaner» konzentriert sich im Wesentlichen auf zwei Themen: Kriminalität und Leichtathletik. Kaum ein Tag vergeht ohne Artikel über Hinrichtungen in Seitenstrassen, Überfälle und Bandenkriege. Und kein Tag vergeht ohne Artikel über Jamaikas Sprinter, allen voran Usain Bolt. An den Wänden der Redaktion hängen die erfolgreichsten Frontseiten der Zeitung, eine zeigt Donald Trump, zwölf zeigen Bolt.

Andre Lowe empfängt uns in seinem Büro. Er hat es bezogen, als er kürzlich zum Leiter des Ressorts Sport ernannt wurde, einer der angesehensten Positionen in Jamaika. Lowe ist Vater eines kleinen Jungen, aber die Freizeit ist rar, denn zusätzlich zu den administrativen Aufgaben, die mit der Beförderung einhergehen, erfüllt er weiterhin die Rolle des Journalisten, der Bolt am nächsten steht. Während des langen Gesprächs über Bolt, das wir mit ihm führen, bleibt er allerdings auffällig ungerührt. Er scheint kein Fan zu sein, den die Liebe blind gemacht hat, sondern ein gewissenhafter Beobachter. Umso erstaunlicher, mit welcher Vehemenz er auf unsere notorische Frage nach den Dopingvorwürfen antwortet: «Als Sportjournalist bin ich von Natur aus skeptisch, aber für Bolt lege ich meinen Kopf aufs Schafott.» Das sind Worte, nach denen man lange suchen muss, wenn man sie von einem Sportjournalisten hören will.

Von den 30 schnellsten Zeiten, die über 100 Meter je gelaufen wurden, stammen 9 von Usain Bolt und 21 von seinen Landsleuten Yohan Blake und Asafa Powell sowie den Amerikanern Justin Gatlin und Tyson Gay. Blake, Powell, Gatlin, Gay – sie alle sind im Verlauf ihrer Karriere des Dopings überführt worden, der unverbesserliche Gatlin sogar zweimal.

Nur Bolt wurde nie erwischt. Weil er nie gedopt hat?

Die Crux der Frage, und damit die Crux des Sports, ist, dass man sie nie mit Sicherheit verneinen kann. Gewissheit hat man nur in der Bejahung – dann, wenn jemand positiv getestet wird.

Was heisst das für Usain Bolt? Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder reicht die «Freak of nature»-Erklärung so weit, dass sie auch den Teil einschliesst, der bei anderen Sprintern das Doping ausmacht. Oder Bolt ist ein Betrüger, wie es so viele sind, aber schafft es aus irgendwelchen Gründen, nicht aufzufliegen. Im Unterschied zum Ausdauersport, wo Doping auch während des Wettkampfs Sinn machen kann, konzentriert sich das Doping des Sprinters auf die Trainingsphase. Er dopt, um länger und härter trainieren zu können. Dazu stehen ihm drei Varianten zur Verfügung, wie Mario Thevis erklärt, Professor für Biochemie an der Sporthochschule Köln und einer der anerkanntesten Dopingforscher weltweit: die konservative, die progressive und eine Mischform.

Bei der konservativen Variante werden Stimulanzen, anabole Wirkstoffe und Maskierungsmittel eingesetzt, die dazu dienen, das Aufspüren der Präparate im Körper zu erschweren. Bei den anabolen Steroiden handelt es sich um synthetische Derivate des männlichen Geschlechtshormons Testosteron. Sie sind vergleichsweise leicht nachweisbar und machen den grössten Teil der Dopingfälle aus. Aber sie sind auch eine Art Wundermittel, denn sie führen nicht nur zu einem erhöhten Wachstum der Muskulatur, sondern tragen auch zu einer beschleunigten Regeneration bei. Der Haken an der Sache ist, dass anabole Steroide in relativ grossen Mengen über einen Zeitraum von mehreren Wochen eingenommen werden müssen, um ihre pharmakologische Wirkung zu entfalten.

Beim progressiven Dopen wird auf Präparate zurückgegriffen, von denen die Dopingjäger nichts wissen oder für die sie noch kein Nachweisverfahren entwickelt haben. Das könnten laut Dopingforscher Thevis Designersubstanzen, deren Strukturen nahezu unbekannt sind, sein – und allenfalls noch das ein oder andere Mittel, das möglicherweise die Energiebereitstellung für Kurzzeitbelastungen verbessert.

Hat Bolt also progressiv gedopt?

Es gibt Indizien, die für und die gegen Bolt sprechen. Für ihn spricht, dass er, wie der Journalist Andre Lowe ausführt, peinlich genau darauf achtet, wann und wo er was konsumiert und dass selbst Leute aus dem innersten Zirkel der Leichtathletik nie von Verdachtsmomenten gegen Bolt gehört haben. Es sind Leute, die glaubhaft versichern, dass sie jedes noch so abwegige Gerücht kennen, das in der zum Tratsch neigenden Sportwelt herumgereicht wird. Gegen Bolt könnte sprechen, dass das IOC Nachkontrollen der Olympischen Spiele 2008 geräuschlos zu den Akten legte, obwohl sich darunter mehrere Tests jamaikanischer Sportler befanden, die für das Asthmamittel Clenbuterol positiv waren. Die Begründung lautete, dass der für das Präparat massgebliche Grenzwert nicht überschritten worden sei, was allerdings eine unzureichende Erklärung ist, da ähnliche Fälle schon ganz anders gehandhabt worden waren. Ebenfalls gegen Bolt könnte sprechen, dass nicht nur Blake und Powell, sondern auch etliche andere jamaikanische Leichtathleten des Dopings überführt wurden, darunter wie Blake solche, die der Trainingsgruppe um Coach Mills angehörten (etwa der Sprinter Marvin Anderson und die 400-Meter-Läufer Lansford Spence und Allodin Fothergill im Jahr 2009).

Man muss nicht so weit gehen, die Häufung von Dopingfällen in der jamaikanischen Leichtathletik als Hinweis auf ein systematisch vom Staat gesteuertes Dopingsystem zu deuten. Aber ein Zeichen für einen, sagen wir, relativ sorglosen Umgang der Jamaikaner mit Doping ist dies allemal. Nicht ohne Grund muss sich die jamaikanische Anti-Doping-Agentur (JADCO) seit Jahren den Vorwurf gefallen lassen, ein Feigenblatt im Anti-Doping-Kampf zu sein. Sie hat so wenig Personal, dass die wenigsten überführten jamaikanischen Dopingfälle auf ihr Konto gehen. Stattdessen wurden sie von Kontrolleuren des Internationalen Leichtathletikverbands und der Welt-Anti-Doping-Agentur aufgedeckt.

Wie schlecht es um das jamaikanische Anti-Doping-System steht, wäre vielleicht nie bekannt geworden, wenn Renée Anne Shirley nicht in einem fast schon selbstzerstörerischen Anfall von Mut ausgepackt hätte. Das war im Sommer 2013, im Jahr nachdem sie zur Chefin der JADCO berufen worden war. Aus Frust darüber, dass ausser ihr kaum jemand im Land an einem wirkungsvollen Anti-Doping-Kampf interessiert war, kündigte sie die Stelle nach ein paar Monaten und griff zum letzten Mittel, das ihr blieb: Whistleblowing. Sie schrieb einen offenen Brief an «Sports Illustrated», das wichtigste Sportmagazin der USA. Der Aufschrei, der in Jamaika folgte, war gewaltig. Die Leute waren nicht über ihre Vorwürfe entsetzt, sondern darüber, dass sie sie geäussert hatte. Die «Landesverräterin», als die sie beschimpft wurde, musste ihre Heimat verlassen und in die USA ziehen.

Inzwischen lebt Shirley wieder in Jamaika, mitten in Kingston. Sie ist der Typ Mensch, der bis zuletzt an das Gute glaubt. Aber als wir uns mit ihr unterhalten, wirkt sie müde, sagt, sie habe das Reden über Doping satt. Sie habe wirklich geglaubt, eine Veränderung herbeiführen zu können, doch getan habe sich nichts. Sie weiss, dass die nächste Frage Usain Bolt gelten wird, weshalb sie uns zuvorkommt, um das Gespräch zu einem Ende zu bringen: «Ich weiss nicht, ob er dopt. Ich bin misstrauisch, das schon. Aber nicht misstrauisch genug, als dass ich nicht an meinem eigenen Urteil zweifeln würde.»

Zwischen ihr und Andre Lowe liegen ziemlich viele Welten. Aber auch vier Jahre nach ihrem Aufruf hat man den Eindruck, dass sich die grosse Mehrheit der jamaikanischen Bevölkerung weder von ihr noch von den vielen Dopingfällen um Bolt herum hat verunsichern lassen. Vielleicht liegt das an der optimistischen Grundstimmung, die im Land herrscht. Jedenfalls kann man in Jamaika mit Leuten, die einem gerade noch fremd waren, die schönsten Abende verbringen. Die Menschen sind grosszügig und gastfreundlich. Aber wenn man über Bolt spricht, was unvermeidlich ist, und den Fehler begeht, seine Lauterkeit nicht über alle Massen zu betonen, dann kann es schnell ungemütlich werden. Zum Beispiel, wenn man den Namen Nesta Carter fallen lässt: Carter war 2008 wie Bolt einer von vier jamaikanischen Staffelläufern, die Olympiagold gewannen. Als die Proben letztes Jahr erneut untersucht wurden, weil man in der Zwischenzeit neue Nachweisverfahren entwickelt hatte, war Carter einer der positiven Fälle, die das IOC im Unterschied zu den Clenbuterol-Fällen nicht verbergen konnte. Der Staffel und Bolt wurde deshalb kürzlich der Sieg aberkannt. In Jamaika galt das als Versuch, Bolt etwas anhängen zu wollen. Tatsächlich aber gibt es in der Leichtathletik niemanden, der Bolt Böses will. Ein Dopingfall Bolt würde nicht nur ihn selbst, sondern den ganzen Sport in den Abgrund reissen.

Vielleicht die ehrlichste Antwort auf die Frage, ob Bolt dopt, gibt ausgerechnet einer, dem jede Blauäugigkeit nachzusehen wäre: sein Vater. Er steht etwa einen Kilometer ausserhalb von Sherwood Content auf einer kleinen Plantage, die er sich vor ein paar Jahren gekauft hat. Hier baut er Kaffeebohnen, Kochbananen und Yams an, und als er auf eine Pflanze des nahrhaften Wurzelgemüses zeigt, sagt er: «Das ist Usains Geheimwaffe.»

«Hat er noch eine andere?», fragen wir.

«Kuhmilch, er liebt Kuhmilch!», ruft er.

«Und auch illegale Substanzen?»

«Ich hoffe, nicht.» Für einen kurzen Moment huscht eine Spur Unsicherheit und Ernsthaftigkeit über das Gesicht des Vaters. Doch augenblicklich kehrt die Zuversicht wieder zurück, und er lobt ausschweifend die Aufrichtigkeit und Vorsicht seines Sohnes.

Er, ganz Jamaika, der internationale Leichtathletikverband: Sie alle hoffen, dass Bolt sauber ist.

Erinnert seinen Sohn zweiwöchentlich daran, woher er kommt: Wellesley Bolt auf seiner Yamsplantage bei Sherwood Content.

13. Die Sache mit dem Geld

Auch Ricardo Guadalupe glaubt, dass Bolt sauber ist. Der 52-jährige CEO des Uhrenherstellers Hublot, neben Puma Bolts Hauptsponsor, sitzt in seinem Büro in Nyon und erklärt seelenruhig die Folgen für seinen Lieblingssportler, falls dieser dopen würde: «Es wäre schlecht und traurig, und unser Vertrag mit ihm wäre von heute auf morgen ungültig.» Alle Sponsoringverträge unterliegen bestimmten Klauseln, aber immer anderen: Bei Sportstars ist ein vorbildlicher Lebenswandel Bestandteil (weshalb Tiger Woods nach seinen ausserehelichen Affären viel Geld verlor), bei anderen, wie dem Hublot-Schützling und Fiat-Erben Lapo Elkann, werden Drogenkonsum und ausschweifende Sexualität als markenkompatibles Verhalten bewertet und toleriert. Bolt ist der mit Abstand wertvollste Leichtathlet der Welt. Seine zwölf Sponsoren zahlen ihm jährlich rund 33 Millionen Dollar, seine Posts auf Facebook, Twitter und Instagram hatten 2016 einen Werbewert von umgerechnet 66 Millionen Franken. Damit ist er der drittwertvollste Sportler hinter Cristiano Ronaldo und Neymar. Eine andere Gemeinsamkeit mit den beiden Fussballprofis: Ab 2018 wird dem Fussballfan Bolt die etwas gewöhnungsbedürftige Ehre zuteil, als erster Nichtfussballer eine Figur im Konsolenspiel «Pro Evolution Soccer» darzustellen.

Wie jeder kluge CEO schaut Guadalupe immer mehr aufs übernächste Quartal. Und so verliert er wenig Gedanken darüber, wie Bolt an der WM im August laufen wird, und mehr darüber, wie Hublot ihn nach seiner Karriere weiter einbinden kann. Bolts Vertrag geht weiter, er wird der Uhrenmarke treu bleiben. Wie genau, weiss Guadalupe noch nicht. Aber sehr genau weiss er, dass es in naher Zukunft nicht noch einmal einen Sportler geben wird, der Exzellenz und Entertainment so spielend verknüpft.

Die Hublot-Leute sind nicht die Einzigen, die für Bolt Pläne haben: Die jamaikanische Sportministerin bittet Bolt an der Pressekonferenz im Pegasus-Hotel in Kingston, er solle doch bitte, bitte Kinder kriegen und dem Land neue Bolts schenken. Der Vater verrät, dass er sich nichts so sehr wünsche wie eine Heirat seines Sohnes und ein Enkelkind. Pascal Rolling von Puma wünscht Bolt vor allem eine Beschäftigung, um nicht in das tiefe Loch zu fallen, das auf jeden Spitzensportler am Tag nach der Karriere warte.

So machen sich alle ihre Gedanken, während Bolt, so hört man, seit einem Jahr vor allem Party macht. Seine Freundin Kasi Bennett, eine Sambatänzerin, die in den Augen vieler Jamaikaner die zukünftige Mutter der kleinen Bolts ist, erträgt dies derweil mit der stoischen Ruhe eines Koikarpfens.

Letzter Teil: Ist er Muhammad Ali?