Lieber Gerhard Schröder,

Eine Kolumne von Max Küng

Das Magazin N°47 – 25. November 2017

ich hab da mal ’ne Frage, aber zuerst muss ich erklären: Ein fremder Mann war in meinem Haus. Nicht grundlos, ich selbst hatte ihn gerufen, denn es gab ein Problem. Er sagte: «Ich schau mir das mal an.» Es klang routiniert, so als habe er den Satz schon tausendmal gesagt, was er sicherlich auch getan hat. Ein Nicken, ein Klicken der Taschenlampe in seiner Rechten, dann ging er zur Sache. Er ächzte, als er in die Knie ging, danach auf alle viere. Und dann verschwand der Mann in meiner Küchenkommode. Er verschwand nicht gänzlich, aber doch zu einem grossen Teil. Es war, als wolle er durch meinen Küchenschrank in eine andere Dimension kriechen *. Alles, was ich von ihm noch sah, waren seine Schuhe und die Hosenbeine, die unterm Spültrog hervorlugten.
Und noch etwas sah ich. Ich hatte schon davon gehört, ich wusste, dass es das gibt, aber mit eigenen Augen … Ich mochte mich nicht erinnern, es je so nah gesehen zu haben. Es war das, was man in Frankreich «le sourire du plombier» nennt, das Lächeln des Sanitärinstallateurs. Bei uns ist es unter einem weitaus weniger poetisch klingenden Namen bekannt, nämlich als das Handwerker- oder Maurerdekolleté. So nennt man den entblössten Teil eines in die Arbeit versunkenen, verrenkten Menschen, den Teil, der zwischen dem Ende des Rückens und dem spaltigen Anfang des Hinterteils liegt und zum Vorschein kommt, wenn unbeabsichtigt das T-Shirt hoch- und die Hose runterrutscht. Tatsächlich erinnerte das Gesehene vage an Ausschnitte gewisser Fotos von beispielsweise Sophia Loren, bloss war es nicht der Busen einer berühmten Schauspielerin, der da vor mir lag, sondern der bleiche Hintern eines Handwerkers, zudem stark behaart.
Verlegen blickte ich schnell zur Decke der Küche, während der Arbeiter etwas in die Dunkelheit der Küchenkombinationshöhle hinein verkündete. Ich war sehr froh in jenem Moment, dass ich nicht Kevin Spacey war, kein von Macht verblendeter Mensch, der eine Gelegenheit erkannte, sondern einfach ein ganz normaler Typ mit einem banalen Abflussproblem. Ich denke, auch der Handwerker war froh, dass ich nicht Kevin Spacey war, obwohl: So genau weiss man das ja nie. Denn man kann nie wissen, was andere denken. Manchmal weiss man ja nicht einmal, was man selber wirklich denkt.
Den barmherzigen Sanitär liess ich kommen, weil es in der Küche stank, erst kaum wahrnehmbar, dann fein, dann immer stärker. Zuerst verdächtigten wir unseren Kater Babri, denn immer wieder fanden sich übel riechende Pfützen auf dem Fussboden. Ja, der Fall schien klar: Katzeninkontinenz. Wir waren schon auf dem Weg zum Tierarzt, der telefonisch eine Blasenentzündung des getigerten Getiers in Aussicht gestellt hatte, als wir feststellten, dass der stinkende Saft aus der Küchenkombination herauszusickern schien. Die Katze blieb daheim, der Klempner kam. Nun, bald waren der Schaden geflickt, der Handwerker wieder aus dem Schrank hervorgekrochen und die Hose hochgezogen. Wie so oft war es bloss eine Dichtung, die nicht mehr ganz dicht war.
Weshalb ich dies alles Ihnen erzähle? Nun, ich las ein Interview mit Ihnen. Sie reden zurzeit ja sehr viel und gerne zur breiten Masse, seit Sie bereitwillig den Russen und der dortigen Ölindustrie zur Hand gehen. Das Interview gaben Sie in einem noblen Zürcher Hotel, und Sie sagten also, dass Sie auch an einem so luxuriösen Ort nicht vergässen, woher Sie kämen, aus einfachsten Verhältnissen nämlich. Sie würden darauf achten, wer Ihr Zimmer sauber mache. Auch Ihre Mutter habe einfachste Arbeiten verrichtet und sei immer um ein Trinkgeld froh gewesen. Ich finde das rührend, dass man nicht vergisst, was und wer man einst war, und Trinkgelder verteilt. Aber eben: Warum schreibe ich Ihnen? Ich habe nach dem lähmenden Anblick des Hinterteils des Sanitärinstallateurs völlig vergessen, dem Mann ein Trinkgeld anzubieten, vielleicht auch weil er für einen Moment wie ein Sparschwein anzusehen war und es mir unschicklich erschien. Und nun plagt mich ein schlechtes Gewissen – vielleicht kennen Sie das ja.
Meine Frage an Sie: Was nun?

Mit grosszügigen Grüssen, Max Küng

* Passende Musik zur Kolumne: der Soundtrack zur Netflix-Serie «Stranger Things» von Kyle Dixon & Michael Stein, 2016.