Die Kochlösung

Eine Kolumne von Christian Seiler

Das Magazin N°48 – 2. Dezember 2017

Ich kenne einen Gemüsehändler, der seinen Kunden den sogenannten «prix à la tête du client» verrechnet. Der Mann findet, dass ein Kunde, dem man seine soziale Stellung und die damit verbundene finanzielle Unabhängigkeit auf den ersten Blick ansieht, mehr für seine Artischocken bezahlen soll als der Student mit dem zu leichten Mantel und den verschlissenen Turnschuhen.
Mir gefällt die Idee. Sie konkretisiert, dass auch Menschen, denen das Geld nicht locker sitzt, gutes Essen bekommen können – im konkreten Fall bezahlen die vermögenderen Kunden dafür, dass die weniger vermögenden die gleichen Artischocken mit nach Hause nehmen können wie sie selbst.
Ich bin zum Beispiel Mitglied in einem solidarischen Landwirtschaftsprojekt, das für meine Begriffe das beste Gemüse erzeugt, das man bekommen kann. Nur eine gewisse Anzahl an Mitgliedern wird aufgenommen. Die Plätze sind rar und begehrt, denn das Gemüse schmeckt nicht nur aussergewöhnlich gut, es erfüllt auch alle Kriterien biologischer und sozialer Landwirtschaft. Das heisst, es geht nicht nur den Pflanzen gut, die vom Team gesät, gepflegt und geerntet werden, sondern auch dem Team selbst: Die Preise für die Mitgliedschaft sind so hoch, dass das gewährleistet werden kann – und sie sind sozial gestaffelt: Gute Verdiener zahlen mehr, schwache weniger.
Wenn es um die Qualität von Lebensmitteln geht, halte ich diese Art von Umverteilung für richtig. Jeder Mensch sollte das Recht darauf haben, gut und gesund zu essen, und nicht dazu gezwungen werden, Verzeihung, Dreck zu fressen. Nichts anderes passiert, wenn Discounter mithilfe ausgefuchster Werbeagenturen, Konsumpsychologen und der zynischen Tricks der Nahrungsmittelindustrie gerade die finanzschwachen Kunden adressieren, um ihnen Softdrinks und Pommes-Chips anzudrehen, Tiefkühlpizza und Bier.
Viele dieser Kunden, geleitet von der eigenen Ignoranz und Faulheit, aber auch skrupellos verführt, werden übergewichtig, fettleibig, zuckerkrank – wir kennen die Zusammenhänge, ziehen aber keine Schlüsse daraus. Wir sehen den Freaks mit ihren Baseballmützen dabei zu, wie sie ihre Chips in sich hineinmampfen und fühlen uns erst – unfreiwillig – verantwortlich, wenn sie das von uns mitfinanzierte Gesundheitssystem belasten: mit Therapien gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mit teuren Diabetesmedikamenten, Schlaganfalltherapien et cetera.
Kurze Zwischenbemerkung zu den Pommes-Chips: Teurere Kartoffeln als die, die sich frittiert und fett in den entsprechenden Familienpackungen befinden, habe ich mein Lebtag noch nicht gekauft. Fällt bloss niemandem auf.
Der Gemüsehändler stellt also mit seiner emotional begründeten Entscheidung, dem wohlhabenden Kunden mehr Geld abzunehmen als dem, der knapp bei Kasse ist, eine Weiche: Er macht sein Geschäft für Menschen attraktiv, die sich seine Ware eigentlich nicht leisten können. Indem er die guten, gerade aus Italien importierten Artischocken verfügbar macht, bewahrt er vielleicht den einen oder anderen davor, in die kulinarische Gleichgültigkeit zu verfallen und auf die schiefe Bahn zu kommen, siehe oben.
Denn die Artischocken sind jung und köstlich. Wenn der Kunde fragt, was er am besten damit tun soll, wird der Händler antworten: «Du musst sie gut putzen, Junge! Weisst du, wie das geht?»
Wenn der Junge dann den Kopf schüttelt, wird der Händler eine Artischocke nehmen, die harten, äusseren Blätter entfernen, die Spitzen absägen, das Heu aus dem Inneren der Knospe entfernen, den Stiel schälen und dem Jungen sagen: «So!»
Zu Hause wird der Junge der Anweisung des Händlers weiter folgen, seine Artischocken zuerst sorgfältig putzen, sie halbieren und dämpfen, bis man mit der Gabel leicht ins Fruchtfleisch eindringen kann. Dann wird er sie in etwas Butter rösten, bis sie Farbe annehmen. So mischen sich feine Röstaromen mit dem molligen, adstringierenden Geschmack der Artischocken, und wer diesen Geschmack einmal mag, der will keinen Junk mehr essen, wird vom Junk nicht fett werden und vom Fett nicht krank.
Das alles vermag der Gemüsehändler mit seiner Entscheidung, vom einen Kunden mehr und vom anderen weniger zu verlangen. Die Entscheidung ist vielleicht nur halb legal. Aber sie ist gut.