Liebe Monika Ribar,

Eine Kolumne von Max Küng

Das Magazin N°48 – 2. Dezember 2017

Sie sind die Verwaltungsratspräsidentin der Schweizerischen Bundesbahnen SBB, und als solche hatten Sie unlängst etwas schlechte Presse, weil Sie es sich nicht hatten nehmen lassen, bei einem Hafenprojekt in Angola ein bisschen dazuzuverdienen als Verwaltungsrätin einer auf den Britischen Jungferninseln ansässigen Firma. Das kam wegen der «Paradise Papers» ans Licht. Ausserdem hackte man im letzten Jahr auf Ihnen herum, weil Sie an Ihrem Wohnort in Rüschlikon einen öffentlichen Parkplatz zu Ihrem privaten umwandeln liessen, um Ihren Maserati zu parkieren, denn der Weg von Ihrem Zuhause zum Bahnhof sei gar weit (900 Meter). Den Maserati haben Sie nun offenbar unlängst gegen einen kleinen Fiat getauscht, obwohl ich ja in die andere Richtung gegangen wäre. Hätten Sie sich eine Mega-Stretchlimousine angeschafft, dann könnten Sie vorne einsteigen, nach hinten krabbeln und durch den Kofferraum wieder aussteigen – Sie kämen so zum Bahnhof, ohne den Wagen überhaupt zu bewegen, aber wissen Sie was? Deswegen schreibe ich Ihnen gar nicht.
Ich fuhr unlängst im Zug, und zwar 1. Klasse, ab und zu gönne ich mir das, auch wenn es seinen Preis hat. Und wie froh war ich, dass es ein alter Zug war, aus der Serie «Einheitswagen IV» aus den 1980er-Jahren mit diesen etwas abgeschossenen, aber dicken Polstern, weil: Das war noch 1. Klasse! Aber wissen Sie was? Deswegen schreibe ich Ihnen gar nicht.
Eine Zeitschrift lag auf dem Polster, sie heisst «via» und wird von Ihren SBB herausgebracht, genauer ist «via» das offizielle Kundenmagazin der SBB und des VöV, des Verbandes öffentlicher Verkehr. Auf dem Titel las ich: «Weihnachtsmärchen – Alle lieben den Weihnachtsmarkt im Elsässer Städtchen Colmar. Warum eigentlich?» Ich dachte: Gute Frage. Will man es wirklich wissen? Aber mir war so langweilig, dass ich die Zeitschrift trotzdem aufschlug. Und ich fand darin Interessantes! Etwa ein Inserat für Bettwäsche (mit Eiskönigin-Elsa-Motiv, Franken 69.95). Oder ein Inserat für den neuen Krimi von Sebastian Fitzek («Flugangst 7A»). Oder eines für ein Arzneimittel namens Selomida («bei Durchfall oder Verstopfung»).
Und dann sah ich es, das ganzseitige Inserat auf der Rückseite Ihres Magazins: «Fantastischer Karneval in Venedig inkl. Halbpension, interessanten Ausflügen und vielem mehr!» Vier Tage für nur 429 Franken inkl. Schweizer Reiseführung und Begrüssungscocktail sowie «Infopaket Karneval». Interessiert studierte ich das unschlagbare Angebot, dann sah ich: Veranstaltet wird die Reise nicht von Ihren SBB, sondern von car -tours.ch, einem Unternehmen, welches seine «4-Sterne-Prestige-Busse» auch nach Istrien schickt, nach Tirol zu einem Francine-Jordi-Adventskonzert oder zum Lichtermeer am Weihnachtsmarkt in Ljubljana.
Ja, es geht mit dem Car an den Carnevale, nicht mit dem Zug. Das fand ich doch einigermassen bemerkenswert, dass die SBB Werbung machen für Busreisen, weil: Es fahren meines Wissens ja auch Züge in die Lagunenstadt. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr schizo fand ich es. Das offizielle Organ des öffentlichen Verkehrs sollte doch den öffentlichen Verkehr fördern, Eisenbahnen und so, und nicht für Autobusse gen Italien werben, weil: Das ist ja ein bisschen so, als würde der Verband der Veganer hinten auf seinem Mitteilungsblatt für die Rossmetzgerei Horisberger in Burgdorf werben. Oder als sässen Sie, liebe Frau Ribar, nicht nur im Verwaltungsrat der SBB, sondern auch noch in jenem eines Konkurrenten, beispielsweise der Lufthansa!
Nun, auf jeden Fall werde ich nicht mit dem Car nach Venedig reisen und auch nicht mit dem Zug, weil: Ich war schon mal dort, vor zwanzig Jahren, und obwohl ich kostümiert war (als Taube), fand ich es nur grässlich. Dann doch lieber Luzerner Fasnacht mit Kafi Lutz, Zwätschge oder Holdrio bis zur Abholung durch die Rettungssanitäter. Die kommen dann zwar auch mit dem Auto … aber das ist etwas anderes.

Ihr Max Küng

PS: Song zum Thema: «The Railroad» von Lee Hazlewood vom Album «Trouble Is A Lonesome Town», 1963.