Von Paul Ingendaay

Das Magazin N°50 – 16. Dezember 2017

Ich habe mit Barcelona eine merkwürdige Erfahrung gemacht. Nicht so sehr, dass sich die Stadt, die ich seit Jahrzehnten kenne und liebe, verändert hätte. (Sie hat sich verändert, aber dazu gleich.) Sondern dass die Menschen, die in Barcelona leben, anders über ihre Stadt sprechen als früher.
Die einen reden von einer kommenden, einer glücklicheren Stadt, in der bald schon Freiheit und Demokratie herrschen würden, als läge jetzt noch der Schatten Francos darauf – dann, dereinst, wenn Katalonien endlich unabhängig von Spanien wäre.
Die anderen dagegen erzählen mir von einer Stadt, in der die bürgerlichen Freiheiten im Namen der erträumten Unabhängigkeit eingeschränkt würden. Seit die separatistische Regierung in Barcelona 2015 die Macht übernommen habe, würden die Medien gegängelt, Abweichler marginalisiert, die spanische Sprache unterdrückt und die Kultur provinzialisiert.
Diese Regionalregierung ist inzwischen abgesetzt, aber das werden Sie mitbekommen haben. So einen pittoresken Vorgang erlebt man in der Europäischen Union nicht alle Tage.
Das Seltsame ist nun, dass beide Gruppen sich aus einer schlechten Gegenwart in eine bessere Zukunft befreien wollen. Diese schlechte Gegenwart betrifft aber gerade und vor allem Barcelona, eine der charmantesten Städte der Welt, in der Touristen vierzig Millionen Nächte im Jahr buchen, eine einzigartige Mischung aus den verwinkelten Gassen des Raval, Gaudí-Moderne und herzhafter botifarra.
Irgendetwas stimmt also nicht. Jemand sieht offenbar etwas, was andere nicht sehen. Entweder erleben die politisch betroffenen Menschen dieser Stadt einen grundsätzlich anderen Ort als Barcelona-Besucher wie ich. Oder aber die Besucher (und damit meine ich auch Kunstliebhaber, Sonnensuchende und Mittelmeerfans wie Sie) haben keine Ahnung, was in Barcelona gerade passiert.
Doch das ist noch nicht alles. Denn die Unabhängigkeitsbefürworter haben in den vergangenen Jahren auf den zentralen Plätzen Barcelonas ihre immer zahlreicher werdenden Unabhängigkeitsfahnen geschwungen und allen erzählt, was sie vorhaben. Die Unabhängigkeitsgegner ihrerseits haben dazu vor allem mürrisch geschwiegen. Und je lauter die einen ihre Parolen riefen und ihre Lieder sangen, desto schweigsamer und knorriger wurden die anderen.
Die Entzweiung
Erst jetzt, seit der ehemalige Ministerpräsident Puigdemont sich in Brüssel versteckt, platzen sie mit ihrem Unbehagen heraus, fügen jedoch vorsichtshalber hinzu: «Schreiben Sie nicht, dass Sie das von mir haben. Sonst kriege ich Ärger.»
Ärger? Wo denn?
«Am Arbeitsplatz. Bei meinen Freunden. Das wäre nicht gut.»
Die Entzweiung unter den Barcelonesen, die früher nur gelegentlich erwähnt wurde, ist jetzt auf Schritt und Tritt spürbar. Jeder, so scheint es, lebt eine andere Stadt. Da gibt es die Gruppe derer, die jeder Einmischung vonseiten Madrids misstrauen, weil sie das schon immer so getan haben. Dann gibt es die kritische Mitte, die sich weder mit der einen noch mit der anderen Seite gemein machen will. Dazu gehört zum Beispiel der Schriftsteller Eduardo Mendoza, der gerade ein kluges Büchlein mit dem Titel «Qué está pasando en Cataluña» herausgebracht hat, auf Deutsch: Was gerade in Katalonien geschieht.

Bedroht von der kulturellen Verzwergung ist auch das Liceu, das akustische Gedächtnis der Stadt (links). Lluis Lleó ist aus New York heimgekehrt. Die Separatisten, sagt er, haben Barcelona provinzialisiert (rechts).

Das erste Zeichen für geistige Enge ist, sich vor der Verschiedenheit zu fürchten, vor dem Gewimmel der Menschen und der Stile.

Und dann ist da noch die Fraktion der Aussenseiter, und an so einen halte ich mich zuerst. Lluis Lleó, ein katalanischer Maler des Jahrgangs 1961, ist gerade nach 29 Jahren in New York nach Barcelona zurückgekehrt. In Amerika hat er sich durchgebissen und den Erfolg gefunden, mit Ausstellungen in Paris, Hongkong, Prag, Düsseldorf und Monterrey. Kürzlich war seine Serie grosser Skulpturengemälde, «Morpho’s Nest in a Cadmium House», an der New Yorker Park Avenue zu sehen, eine der grössten Ehrungen, die einem bildenden Künstler zuteil werden können. Ab Februar 2018 wird das Werk für die nächsten acht Jahre an Barcelonas grosser Schneise Avinguda Diagonal installiert.
Und wer jetzt in der Bar des Hotels Majestic vor mir sitzt, ist ein ungeduldiger Mann, der keinen Sinn für Provinzialität hat. «Das erste Zeichen für geistige Enge ist, sich vor der Verschiedenheit zu fürchten, vor dem Gewimmel der Menschen und der Stile», sagt Lleó. «Nicht die Fenster aufzureissen.» Man spürt die Energie dieses Künstlers, die jeden zwingt, das Tempo mitzugehen oder aber zurückzubleiben. «In der Architektur», sagt er, «hat die Marke Barcelona grossartig funktioniert. Dies ist eine sehr privilegierte Stadt. Aber im Kulturleben immer nur den eigenen Bauchnabel zu betrachten und ständig vom Eigenen zu sprechen, zeugt von Angst.»
Lluis Lleó hat in den letzten Monaten versucht, den Separatismus zu verstehen, aber es ist ihm nicht gelungen. «Diese Leute», sagt er. «Diese Leute wissen doch gar nicht, was sie wollen. Den grössten Schaden haben sie Katalonien angetan, allein schon wirtschaftlich.»
Ausländischen Besuchern bleiben solche umstrittenen Themen oft verborgen, denn meistens sprechen sie kein Spanisch, von Katalanisch ganz zu schweigen. Vielleicht ist es gut so. Barcelona hat zu viel Substanz, um nur Schauplatz eines politischen Konflikts zu sein. Die Schönheit bleibt ja, das gnädige Wetter bleibt, das gute Essen wird immer noch serviert, und auch die Menschen – vor allem in der entspannten Version, die sie Besuchern zeigen – bewahren meistens ihre Lässigkeit.
Sichtbar werden allerdings Kratzer auf der Aussenhaut, die man ernst nehmen muss. Denn auf lange Sicht könnten sie Schaden anrichten. Dazu zählen die Exzesse des Kreuzfahrttourismus, der manchmal 20 000 Menschen am Tag für ein paar Stunden auf ein paar Quadratkilometer Altstadt kippt. Dazu zählt auch die Plünderung städtischer Ressourcen durch illegale Touristenappartements, die ärmer gewordene Anwohner verbittert und das soziale Klima der Stadtteile verändert. Und in den letzten beiden Monaten ist der Imageschaden dazugekommen. Die Katalanen, die bisher als praktische Lebenskünstler galten, haben ihren Streit auf eine Bühne namens Barcelona getragen.
Tief empfundene Ratlosigkeit
Ein anderer Teil der Wahrheit ist, dass niemand weiss, wie es politisch und gesellschaftlich weitergehen soll. Wirklich nicht. Auch die «Experten» haben keine sicheren Prognosen, sie wedeln nur mit Zahlen. Noch niemals in meinem Reporterleben habe ich so viel ehrliche, tief empfundene Ratlosigkeit erlebt.
Niemand weiss heute, zum Beispiel, was die Regionalwahlen am 21. Dezember bringen, die wesentlich über die Regierbarkeit der Stadt Barcelona (und Kataloniens) entscheiden werden. Niemand weiss, ob sich einerseits die Katalanen untereinander, andererseits Katalanen und Spanier in absehbarer Zeit wieder zusammenraufen.
Es ist winterlich kalt, aber sonnig in diesen Dezembertagen. Ich treffe mich mit Emmanuel Guigon, dem Direktor des Picasso-Museums. Nicht nur, weil er mit mehr als einer Million Besuchern im Jahr über einen der magischen Anziehungspunkte der Stadt gebietet. Sondern weil ein Franzose, der Picasso liebt (der seinerseits ein halber Franzose, aber zu einem gewissen Teil eben auch Barcelonese war), die Sache ein bisschen mehr von aussen sieht.

Auch für Picasso, dem dieses Museum gewidmet ist, war Barcelona ein Sehnsuchtsort. In erster Linie allerdings wegen der Frauen (links). Einer der wenigen, die noch frischen Elan in die Stadt bringen: der Museumsmann Emmanuel Guigon (rechts).

Barcelona hat drei grosse Vorteile. Das Essen ist besser als in Paris. Die Hotels sind besser als in Paris. Und beides ist billiger als in Paris.

Guigon empfängt mich mit wehendem Schal. Bevor wir uns zum Reden hinsetzen, nimmt er mich am Ärmel und führt mich durch die Räume seines Hauses. Kürzlich hat er eine dieser Wahnsinnstaten verübt, für die man Museumsdirektoren verehren muss: Er hat vier Ausstellungen gleichzeitig eröffnet, er will zeigen, dass sein Haus – noch – aus dem Vollen schöpft. Eine der Ausstellungen erinnert an das Jahr 1917, als Picasso aus dem kriegszernarbten Paris in seine alte Stadt zurückkehrte, um sich als Meister der Avantgarde zu präsentieren. Natürlich hatte Picasso auch einen persönlicheren Grund. Er folgte dem Ensemble «Ballets Russes» und der wundervollen Olga Chochlowa, die ein Jahr später seine Ehefrau wurde.
«Barcelona hat drei grosse Vorteile», sagt Emmanuel Guigon. «Das Essen ist besser als in Paris. Die Hotels sind besser als in Paris. Und beides ist billiger als in Paris.»
Guigon kennt die Stadt sehr gut, vor dreissig Jahren hat er schon einmal in Barcelona gearbeitet. Jetzt, nach einem Jahr im Picasso-Museum, sagt er: «Trotzdem verstehe ich nicht, was dieser Nationalismus soll. Die Franco-Zeit ist doch lange vorbei. Katalonien lebt in einer Demokratie. Wie können wohlhabende Menschen akzeptieren, dass sie durch den Separatismus auch noch Geld verlieren?»
Die Kosten des Konflikts sind ein grosses Gesprächsthema. Nicht umsonst sind die Katalanen als Händler und Kaufleute bekannt. Bis vor Kurzem haben die Unabhängigkeitsbefürworter den materiellen Gewinn und das Ende der von Madrid auferlegten «Steuerknechtschaft» propagiert. Wie ein Mantra hat der katalanische Wirtschaftsreferent Oriol Junqueras die «16 Milliarden Euro im Jahr» beschworen, die dem Land durch die Abspaltung angeblich zufliessen würden.
Doch die Wirklichkeit sieht brutal anders aus. Mehr als 2500 katalanische Firmen, die meisten von ihnen aus Barcelona, verlegen ihre Zentralen, grossenteils nach Madrid. Ein Schock war die Ankündigung der Verlagsgruppe Planeta, die Barcelona zur Buchhauptstadt der gesamten spanischsprachigen Welt macht, ihren Geschäftssitz nach Madrid verlegen zu wollen. Auch die Chance, zum Sitz der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zu werden, hat Barcelona vertan. Spätestens seit dem 1. Oktober, als im katalanischen Parlament die Unabhängigkeit ausgerufen, dann wieder suspendiert wurde, als handelte es sich um eine Chorprobe, hat man das Unheil kommen sehen: Nichts ist so schädlich wie Unsicherheit.
Auch das Picasso-Museum hat durch die Zuspitzung des Konflikts gelitten. «In den letzten zwei Monaten», sagt Guigon, «hatten wir zwanzig Prozent weniger Besucher.» Manche Leihgeber hätten ihre Zusagen für Kunstwerke zurückgezogen, sodass auch die Qualität der Ausstellungen betroffen ist.
Siegt die Tugend – oder die Liebe?
Bedroht vom Separatismus ist auch das Liceu, das schönste Opernhaus Spaniens. Das Gran Teatre del Liceu, wie es offiziell heisst, ist das akustische Gedächtnis der Stadt. Vor 170 Jahren von einem selbstbewussten Bürgertum erbaut, hat das Liceu seine eigene Metrostation und einen privilegierten Standort an der Rambla. Als es 1994 abbrannte, trommelte die katalanische Industrie viel Geld zusammen, um das Haus schöner und moderner wieder aufzubauen. Staat und Region zahlten kräftig dazu – unter der Bedingung, dass die opernversessenen Bürger bereit wären, das Eigentum ihrer Opernlogen aufzugeben. Nur das Vorkaufsrecht auf die besten Tickets, das liessen sich die vornehmsten Familien der katalanischen Bourgeoisie nicht nehmen.
Jetzt erstrahlt die Rambla in Weihnachtsbeleuchtung. Auch die Lampen des Liceu sind mit roten Glühbirnen bestückt. Die heimelige Stimmung passt zur grossen Mama der katalanischen Kultur, die für ihre Verdi- und Wagner-Begeisterung bekannt ist, in diesen Tagen aber etwas ganz anderes zeigt: eine konzertante Aufführung von Monteverdis «L’incoronazione di Poppea», die das volle Haus zu Begeisterungsstürmen hinreisst. Wird die Tugend siegen, die sich im Vorspiel der Oper so selbstbewusst in die Brust wirft? Das Schicksal? Oder doch die Liebe? In diesen Tagen scheint alles und jedes mit der katalanischen Frage verknüpft.
Generaldirektor Roger Guasch i Soler führt das Liceu seit gut vier Jahren. Damals hatte er die unangenehme Aufgabe, den plötzlichen Wegfall von zehn Millionen Euro Subventionen abzufedern. Das ging nur durch einen harten Sparkurs: weniger Personal, mehr Kreativität. Inzwischen ist es geschafft. Das Liceu erwirtschaftet mehr als die Hälfte seines Budgets selbst. Aber der Weg hierher war steinig.
Für das Thema der katalanischen Unabhängigkeit dagegen reichen Guasch wenige Worte. «Das Liceu gibt es seit 1847», sagt er. «In diesem Haus haben Menschen aller Couleur Musik gehört. Und das wird so bleiben. Ja, es hat schon mal jemand in die Stille des schweigenden Orchesters hinein gerufen: ‹Es lebe die Republik!› Und dann hat ein anderer gerufen: ‹Es lebe Spanien!› Aber das war auch schon alles. Die Oper ist überparteilich.»
Seit Langem schon argumentiert Barcelona historisch, wenn es um Veränderungen geht. Das gilt für den städtebaulichen Fortschritt ebenso wie für die politische Zukunft der Region.
Zum Beispiel die magische Zahl 1714. Am 11. September jenes Jahres nahmen die bourbonischen Truppen unter König Philipp V. im Spanischen Erbfolgekrieg die Stadt Barcelona ein. Es mag seltsam anmuten, dass der katalanische Nationalfeiertag einer historischen Niederlage gedenkt und so dafür sorgt, dass sich die Wunde niemals schliesst. In jedem Heimspiel des FC Barcelona – Vereinsmotto: «Mehr als ein Klub» – skandiert das Publikum nach 17 Minuten und 14 Sekunden das Wort «In-de-pen-dèn-cia!»
Barcelona baut auf
Der heutige Parc de la Ciutadella im Stadtteil Born erinnert noch an die Zitadelle, von der aus die Bourbonen, nachdem ihre Herrschaft über Katalonien durch den Sieg von 1714 etabliert war, das aufsässige Barcelona mit Kanonen beschossen. Ohne Zweifel trägt das Gedenken folkloristisch-verklärende Züge, und man könnte es als modernes Geschichtsmärchen belächeln. Doch es ändert nichts daran, dass dieses Datum im Empfinden der Barcelonesen eine enorme Rolle spielt.
Zwei wichtige Baumeister in der Geschichte der Stadt haben hier, im Handwerkerviertel Born, ihre Spuren hinterlassen. Der eine, Josep Fontseré, erbaute im 19. Jahrhundert den Park, der an die Stelle der militärischen Anlage trat und der Bevölkerung damit eine ihrer wichtigsten Grünflächen schenkte. Der andere, Oriol Bohigas, war hundert Jahre später als Baurat unter dem sozialistischen Bürgermeister Pasqual Maragall die treibende Kraft hinter den Umwälzungen, die Barcelona rechtzeitig zu den Olympischen Spielen 1992 in eine moderne Mittelmeermetropole verwandelten.
Ich spaziere mit dem Architekten Johannes Wortmann, der seit dreissig Jahren in Barcelona arbeitet, durch das Born-Viertel. Gefragt zu den Bauten für die Olympischen Spiele sagt er, «dass sie eigentlich ein Alibi waren. Dass man im Windschatten des Grossereignisses daranging, die ganze Stadt umzukrempeln und für die Zukunft zu rüsten. Man darf nicht vergessen: Nur 15 Prozent des gewaltigen Budgets flossen in neue Sportanlagen.»
So aufwendig das Olympische Dorf, so hübsch der Olympiahafen, den Löwenanteil beanspruchten Barcelonas neuer Telekommunikationsturm und der Bau des Stadtautobahnrings. Und dann zitiert Wortmann den Wahlspruch von Bohigas, der in der Stadt mit Händen zu greifen ist: «Das Zentrum hygienisch gestalten, die Peripherie monumental.»
Diesen Geniestreich, der die Stadt zum Liebling der Kulturtouristen, zum Sehnsuchtsort ravender Easyjetter und zu einem der lebenswertesten Orte der Welt gemacht hat, spürt man noch immer auf Schritt und Tritt: die weichen, einladenden Formen, das skurrile Detail, die Eleganz der Gebäude. Architektur ist gelebte Demokratie – gesellschaftlicher Fortschritt, der ohne Parolen auskommt und daher von keiner Zentralmacht behindert werden kann. Immer noch nützlich, aber auch schon Kunst.
Ein paar Gehminuten vom Parc de la Ciutadella, der sinnreicherweise das katalanische Parlament beherbergt, liegt der hübsche Passeig del Born, ein länglicher Platz vor der berühmten Basilika Santa María del Mar. Der Architekt Bohigas hat hier eine kleine Schneise in die dichtestbesiedelte Altstadt Europas geschlagen, um dem Flaneur einen weiten Blick und etwas Luft zu gönnen.
Eine Weltstadt entsteht
Die grosse urbanistische Leistung der damaligen sozialistischen Regierung schaut zurück auf eine Architekturtradition, mit der sich das Bürgertum der Stadt seit je glühend identifiziert hat. Allein das Eixample-Viertel, eine Schöpfung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, würde genügen, um Barcelona als europäische Metropole neben Paris und Wien auf die Weltkarte zu setzen. Der Platz; das Ebenmass; die opulenten Gehsteige mit ihren abgeschnittenen Häuserecken; das Licht, die Luft, die Bäume.
Oder Antoni Gaudí, der unbestrittene Soloheld kreativer Fantasie, Baumeister der Sagrada Família, Schöpfer von Bürgerhäusern, unermüdlicher Designer von Schränken, Betten, Tischen und Beichtstühlen, Türklinken und Kerzenhaltern, von Brunnen, Laternen und Toiletten. Auch wenn Gaudí ein Solitär war, der sich mit den Jahren immer mehr in seine Welt religiöser Inbrunst zurückzog, er muss etwas von den Platzproblemen geahnt haben, welche die Masse Mensch dem öffentlichen Raum bereitet. Auch in Barcelona. Sonst hätte er im Eixample nicht das mutmasslich erste Parkhaus Europas entworfen.
Wir fahren nach Norden, zur wahrhaft monumentalen Plaça de les Glòries Catalanes. Dort, in unmittelbarer Nähe von Jean Nouvels Torre Agbar, der nachts wie ein lang gestreckter Hinkelstein in Blau und Rot erstrahlt, hat vor drei Jahren Barcelonas Design-Museum eröffnet. Der Bau, der den schicken Namen «Disseny Hub» trägt, schmiedet vier separate, seit Langem existierende Museen der Stadt zu einer Einheit zusammen: modernes Industriedesign, Kunsthandwerk aus fast zwei Jahrtausenden, Mode aus fünf Jahrhunderten sowie katalanische Druckgrafik. Das Gebäude hat mit seinem schmalen Sockel und den wie Zangen ausladenden Stockwerken etwas selbstbewusst Bulliges. Seine Aussage: Hier entsteht etwas Neues.
Nicht vielen Touristen dürfte klar sein, dass zwischen dem Agbar-Turm und dem Meer Barcelonas grösstes urbanistisches Projekt des neuen Jahrtausends zu bestaunen ist. Auf 110 Hektar Grundfläche des alten Industrieviertels Poblenou erstreckt sich 22@, ein gigantisches Areal für Hightechfirmen, Medien- und Forschungsunternehmen, Hotels und einen Ableger der Universität Pompeu Fabra. Und als Perle die Kunststiftung Fundació Vila Casas mit einer beeindruckenden Sammlung katalanischer Kunst der letzten sechzig Jahre, von Antoni Tàpies bis Lluis Lleó.
22@ wurde lange vor der Krise geplant, sonst wäre es in den harten Jahren zugrunde gegangen. So hat sich das Wachstum nur verzögert. Wie eine grosse Ausstellungsfläche führt die Gegend die katalanische Lust am Design vor.
Die Metropole baut ab
Doch das dürfte es vorläufig auch gewesen sein. Bei den städtischen Behörden ist jeder Unternehmergeist versiegt. Erst schlug die Finanz- und Immobilienkrise zu. Zwischen 2007 und 2009 brach Barcelonas Bauindustrie ein und verlor 90 Prozent ihrer Umsätze. Zahllose Architekturstudios meldeten Konkurs an.
Als 2013 allmählich die Erholung einsetzte, war als Bürgermeister der fantasielose Xavier Trias von der liberalkonservativen CiU-Partei am Ruder. Niemand konnte damals ahnen, dass diese Jahre das vorläufige Ende des bürgerlichen Parteiensystems in Katalonien sein würden. Die Krise, die Arbeitslosigkeit und das Empfinden der Jüngeren, nicht mehr Teil des alten Gesellschaftspakts zu sein – all das hat Barcelona unwiderruflich verändert.
2015 wurde Ada Colau von der Aktivistenplattform Barcelona en Comú zur Bürgermeisterin gewählt. Die junge Frau, eine Symbolfigur des Wandels, stiefelte direkt von der Hausbesetzerszene ins Rathaus. Das linke, spontane, anarchische Barcelona feierte Auferstehung. Und das bürgerliche Barcelona war entsetzt. Und ist es bis heute.
Inzwischen gilt ein völliger Baustopp für Hotels in der Innenstadt. Der Tourismus, von dem so viele in Barcelona leben, wird dämonisiert. «Wir brauchen eine neue Koalition aus Stadtplanern, Unternehmern und Wissenschaftlern, um eine Vision für die nächsten dreissig Jahre zu entwickeln», sagt Johannes Wortmann. «Besonders für die Peripherie. Aber danach sieht es leider nicht aus.»
Unterdessen sind an vielen Punkten Barcelonas Menschen aktiv, die schon an der nachideologischen Wende arbeiten. Etwa «Barcelona Global», ein Zusammenschluss von 800 Firmen, Vereinen und Institutionen, der trotz allem für den Wirtschaftsstandort Barcelona wirbt: 56 Museen! 40 Bibliotheken! 2500 Sonnenstunden im Jahr!
Oder die Societat Civil Catalana, die es im Oktober erstmals geschafft hat, in einer Grossdemonstration eine Million Menschen auf die Strasse zu bringen, die schweigende Gegenseite zu den Separatisten. Friedlich, versteht sich.
«Wissen Sie, was das Beste wäre, was uns passieren könnte?», fragt mich der neue Vorsitzende José Rosiñol, ein Mann von Mitte vierzig. «Dass Vereine wie unserer überflüssig werden.» Und dann erwähnt er wieder die zwei Seelenzustände, zwischen denen das katalanische Gemüt, glaubt man der Volksweisheit, seit Jahrhunderten hin und her gerissen wird: rauxa, die unkontrollierte Leidenschaft, und seny, die praktische Vernunft.
«Das Zweite», sagt Rosiñol, «ist bei uns in letzter Zeit zu kurz gekommen. Da müssen wir wieder hin.»