Steinzeit-Argument, das

Eine Kolumne von Nina Kunz

Das Magazin N°1/2 – 13. Januar 2018

Homo sapiens sapiens zu sein, ist cool. Wir haben ein riesiges Hirn, einen aufrechten Gang, keine natürlichen Feinde und WiFi. Darum sehen wir uns als Krone der Schöpfung – als Spezies, die es weit gebracht hat seit der Steinzeit. Doch sobald es um Geschlecht geht, passiert etwas Seltsames. Dann heisst es plötzlich: Im Grunde ist die Frau noch immer die Sammlerin und der Mann der Jäger.
So steht in der «Cosmopolitan»: «Männer brauchen beim Flirten dieselbe Körpersprache wie schon die Höhlenmenschen» – und in einer Studie lese ich, Frauen bevorzugten Rosa, da sie einst sensibilisiert gewesen seien auf die Farbe der Beeren. Und Gijsbert Stoet, Forscher an der Universität Glasgow, begründet den Geschlechterunterschied in technischen Fächern gar damit, dass Frauen weniger Reiz verspürten, nach Neuem zu «jagen».
Bullshit! Logisch wurde unser Hirn von der Evolution geprägt – aber die Idee, dass unser geschlechterspezifisches Verhalten auf einem Urzustand beruht, hält schlicht keiner historischen Prüfung stand. Erstens umfassten das Paläo- und das Mesolithikum rund 2,5 Millionen Jahre. In dieser Zeit wuchs mal mehr und mal weniger pflanzliche Nahrung, sodass eine fixe Aufteilung in Jäger und Sammlerin nicht plausibel scheint, wie die Archäologin Brigitte Röder schreibt. Zweitens ist die Quellenlage dürftig, und bei den Artefakten ist zum Beispiel völlig offen, wer mit dem Beil hantiert hat. Und drittens, so die Biologin Sigrid Schmitz, spricht die Plastizität des Hirns stark gegen die These, dass Geschlechtereigenschaften vor Urzeiten «neurologisch» erstarrt sein sollen.
Es ist also schwierig, sich den Menschen der Steinzeit zu nähern – und gleichzeitig unwahrscheinlich, dass sich diese «stereotyp» männlich/weiblich verhalten haben. Vielmehr ist dieser Urmensch eine Projektion moderner Vorstellungen auf die Frühzeit. Der Jäger und die Sammlerin sind eine Karikatur der bürgerlichen Familie des 18. Jahrhunderts. Das war die Zeit, in der zum ersten Mal nach Mann/Frau-Differenzen im Hirn gesucht – und das heutige Verständnis von Geschlecht im Wesentlichen ausgehandelt wurde. Der Verweis auf die Steinzeit war nur ein Weg, um soziale Rollen zu «naturalisieren». Die Wissenschaft stellte alles Mögliche an, um zu bestätigen: Es ist in der DNA angelegt, dass die Frau zu Hause bleibt!
Das heisst nicht, Geschlechterunterschiede seien eine Erfindung. Das heisst nur: Aus dem Umstand, dass Frauen einen Uterus haben und Männer nicht, lässt sich nicht die ganze Welt erklären. Immer wieder höre ich zum Beispiel, dass Männer – als einstige Jäger – mehr verdienten, da sie kompetitiver seien. Eine verlockende Vorstellung; denn wer will schon gegen die «Natur» argumentieren? Darum ein für allemal: Über den Einfluss der Evolution können wir bisher nur spekulieren. Lassen wir die Höhlenmenschen also dort, wo sie hingehören. In der Urzeit!