Leserbriefe


Alles über meine Mütter

Von Samanta Siegfried

Das Magazin N°40 – 5. Oktober 2019

Ich bin glückliche Adoptivmutter, meine Töchter haben Jahrgänge 1983 und 1986.

Es ist eine Tatsache, dass Adoptivkinder kein Mitspracherecht haben, wenn sie adoptiert werden, ungefragt werden sie verlassen, ungefragt neu aufgenommen. Selbst geborene Kinder werden bei der Zeugung  auch nicht gefragt, ob sie gezeugt werden wollen, wenn ja, in welche Welt hinein.

Hier kann man noch weiter ausschweifen, wie ist es mit den durch Leihmütter geborenen Kindern? Werden sich diese Kinder auch nach dem Mutterleib sehnen, in dem sie während neun Monaten gelegen haben, gezeugt mit fremdem Samen und fremden Eiern?

Adoptionen gab es seit biblischen Zeiten, in diesen Zeiten wurde adoptiert, um die Erbfolge zu gewähren. Mutterliebe war immer schon gesellschaftlich mitbestimmt, die Oberschicht im 18. Jahrhundert liess ihre adligen Kinder bei Ammen aufwachsen und nahm sie erst zu sich, als sie junge Erwachsene waren.

Mit was für Schwierigkeiten ein Mädchen mit dunkler Hautfarbe in der Schweiz konfrontiert wird, habe ich an meiner Haut nicht erfahren – sicher ist es von Vorteil, ein starkes Selbstbewusstsein entwickeln zu können. Das ist keine nur familiäre Angelegenheit, hier ist die Gesellschaft gefordert.

Es tut mir leid für Tanja S., dass sie sich in zwei Welten befindet und offenbar in keiner dieser beiden Welten ein Zuhause gefunden hat, jetzt kommt aber mein grosses ABER: Wie aus dem Artikel hervorgeht, wurde Tanja liebend als Tochter erwartet und in diese Familie aufgenommen. Der Artikel beginnt mit der roségoldenen Uhr, die der Anfang aller Sehnsüchte für Tanja war – dies ist das Moraltriefende dieses Artikels, das ich verurteile. Der Leserin wird mit dem ersten Satz schon die Tragik der Sehnsucht nach der eigenen Herkunft suggeriert.

Unbestritten ist es ein Recht aller Adoptivkinder, ihre Herkunft zu suchen, zu finden – sofern hierfür ein Bedürfnis steht. Nicht immer ist dies möglich, nicht immer ist dies auch der Wunsch der leiblichen Mütter. Wir Frauen in Europa hatten seit 1968 die Möglichkeit eines legalen ärztlichen Schwangerschaftsabbruchs – in Indien und Sri Lanka sicher nicht.

Die Welt ist unbestritten ungerecht –  Flüchtlingskinder in Lagern, Kinder, die nur Krieg erlebt  und nie gespielt haben, Kinder, die vollkommen unerwünscht geboren wurden…

Ich wünschte mir, Tanja könnte sich in dieser Welt, in die sie liebevoll aufgenommen wurde, besser zurechtfinden – dabei muss sie sich aber von der roségoldenen Taschenuhr, die ihr 40 Jahre Hoffnung gegeben hat, lösen und befreien und versuchen, im HIER und JETZT anzukommen.

 

 Lilo Mühlemann,   8906 Bonstetten