Leserbriefe


Mein Bruder

Leserbrief

Aktualisiert am 24. August 2019, 17:25 Uhr

Sehr geehrte Frau Akyol

Am vergangenen Wochenende habe ich im „Magazin“ Ihre feinfühlige Schilderung der Folgen, die die Geburt Ihres Bruders Deniz in Ihre Familie gebracht hat,
gelesen. Die Geschichte und die Art, wie Sie sie erzählen, haben mich sehr berührt.

Die Tatsache, dass aktuell die meisten Schwangerschaften beim Vorliegen einer Trisomie 21 abgebrochen werden, beschäftigt mich. Natürlich soll man als
„Nichtbetroffener“ nicht pauschal (ver)urteilen. Ich habe aber privat und in meinem früheren Beruf nicht wenige Menschen mit Trisomie gesehen, die mir
glücklich schienen und für ihre Umgebung eine Bereicherung waren.

Eine wunderschöne Geschichte, die ich auf einer Intensivstation erlebt habe, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:
Wir behandelten einen ungefähr 14-jährigen mongoloiden Patienten mit einer schweren Lungenentzündung, bei dem sich die Sauerstoffsättigung zunehmend
verschlechterte, und wir erwogen nach Besprechung  mit seinen Eltern und Geschwistern eine nichtinvasive Beatmung mit einer speziellen, straff anzulegenden
Maske. Leider riss sich der Patient diese immer wieder vom Gesicht. Da erinnerte sich sein Bruder, dass der Patient von Piloten und Flugzeugen fasziniert
sei, und brachte noch gleichentags eine grosse Foto eines Militärpiloten mit Maske. Von da an war die Maskenbeatmung kein Problem mehr, und der Patient
erholte sich zusehends!
Wie sich sein Schicksal weiter entwickelt hat, weiss ich nicht; sicher aber war er durch seine engagierte Familie sehr gut umsorgt. Als Dank haben wir
später ein Bild erhalten, das der Junge selber gemalt hat: eine wunderschöne Komposition, bestehend aus zahlreichen  verschieden grossen, präzis gemalten
farbigen Rechtecken und Quadraten (sie hat mich an Paul Klee erinnert).

Mit nochmaligem Dank und herzlichen Grüssen

Matthias Weiss-Lemmens, 3065 Bolligen