Leserbriefe


Mein Bruder

Von Çiğdem Akyol

Das Magazin N°26 – 29. Juni 2019

Sehr geehrte Frau Akyol

Für Ihre persönliche Geschichte mit Ihrem Bruder danke ich Ihnen sehr herzlich. Sie erzählen Ihr Erleben in sehr berührender und beeindruckender Weise.

Ich bin Heilpädagoge und war Prof. an der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich.

Sie schreiben von der ständigen Sorge um das Überleben Ihres Bruders von Anfang an und immer wieder und zugleich von Ihrer wachsenden Liebe und darin eingebettet von Ihrem Weg mit ihm. Sie berichten von der ganz anderen Welt, in der Sie aufwuchsen – mit ganz anderen Aufgaben als Ihre Gleichaltrigen und sie lebten Ihre Liebe zu Ihrem Bruder in den Begegnungen in Pflege und Begleitung in tief berührender Weise. Sie erlebten allerdings auch Isolation und Ablehnung der ganzen Familie durch viele Menschen, die keinen Zugang zu Ihrem Bruder finden konnten – er blieb ihnen fremd.

Sie haben zugleich von Fachleuten viel Empathie und hilfreiche Unterstützung erfahren.

Auch Ihre Mutter hat einen unglaublichen Prozess durchgemacht von der Konsternation und Trauer am Anfang hin zu einer tiefen Liebe, die bis ins Grab dauern soll.

Ihre Geschichte sollten Heilpädagoginnen immer wieder lesen, denn sie ist die beste Art, ihnen aufzuzeigen, was Heilpädagogik im Grunde sein müsste, vorerst Annäherung an das Fremde, Liebe hilfreiche Begegnung und Klarheit darüber,  welche Aufgaben sich ihnen stellen im Hinblick auf die ganze Familie: auf Mütter, Väter, Geschwister und die Umwelt.

Nochmals vielen Dank und gute Wünsche für Sie, Ihren Bruder und Ihre Eltern.

Meinrad Benz, 5610 Wohlen