Leserbriefe


Weltschmerz

Eine Kolumne von Nina Kunz

Das Magazin N°12 – 21. März 2020

Liebe Frau Kunz,

als 71-jähriger Arzt kann ich Ihre negative Weltsicht gut verstehen. Ihre mehrfach geäusserte Ansicht, man könne ja nichts dagegen tun (Hoffnung abhandengekommen, düster, stets wachsendes Unbehagen, das schlimmste aber ist die Ohnmacht…), teile ich aber in keiner Weise. Gerne möchte ich Ihnen kurz ausführen, warum. Unbewusst haben Sie das Hauptproblem schon genannt: „Das Unbehagen wächst und wächst, es wird aber nie richtig sichtbar.“ Ja, die Weltbevölkerung wächst und wächst und ist „nur“ über die Tausende von Symptomen sichtbar. Das in unserer Zeit oberstheilige „Wachstum“ haben wir so verinnerlicht, dass wir den Urgrund aller daraus wachsenden Probleme nicht mehr erkennen. Wenn sie denn schon mal in einem luziden Moment zur Sprache kommt, wird die menschgemachte, eigene Vermehrung als völlig normal und nicht beeinflussbar dargestellt, was dem globalisierten Raubtierkapitalismus, der über Tausende Leichen geht, wunderbar in die Hände spielt. Diese geld- und profitgierige Grundhaltung, die sehr weit bei arm und reich verbreitet ist, stellt Ihre Forderung nach Solidarität tatsächlich auf eine harte Probe. Gemäss der Maslow-Bedürfnispyramide müsste eigentlich deren Spitze  jene Solidarität klarer zeigen, als sie es gegenwärtig tut. Ganz abgesehen von diesem schönen Solidaritätsgedanken belastet aber jeder Mensch auch die Umwelt. Gemäss der anerkannten Formel Umweltbelastung = Anzahl der Köpfe x Fehlverhalten/Kopf können wir weiterhin nur das Fehlverhalten geisseln, beklagen und kommen damit, wie bisher erlebt, nicht weiter. Wenn trotz des drögen Hyperkonsums noch eine Bewusstseinsbildung möglich sein sollte, dann darf neben dem Fehlverhalten auch die Anzahl Köpfe nicht und nie mehr verschwiegen werden.

Als Arzt stehe ich der Förderung der freiwilligen Familienplanung naturgemäss nahe und möchte Sie herzlich dazu einladen, dieses salutogenetische Thema mal durchzudenken. Die stete Verschlimmerung hat logischerweise mit den 80‘000‘000 Menschen mehr jedes Jahr zu tun, denen die Welt so verlogen und falsch verspricht, auch einen Platz an der Sonne zu bekommen. Es ist für den Planeten und seine Menschenmasse schon ein unmögliches Versprechen, dass alle Schwellenländer-Einwohner westlichen Lebensstandard bekommen können, da unsere Ressourcen endlich sind. Völlig verrückt und absolut nicht einlösbar ist aber, dass jene 80 Mio. noch jedes Jahr dazukommenden Menschen dieselben Chancen haben sollen. Die UNO weiss, dass von diesem 80-Mio.-Zuwachs  (vergleichsweise ein ganzes Deutschland, eine Türkei oder ein Iran mehr) 70 Millionen Babys schon von ihren Müttern  unerwünscht sind, also skandalös miserable Startchancen haben. Es erscheint mir also dringlich geboten und sehr legitim, dass die Medienleute (damit sind natürlich auch Sie gemeint) endlich mal auf solche grundlegenden, grauenhafte Basics laut und deutlich hinweisen, damit nun doch einmal fruchtbare Diskussionen über echte Nachhaltigkeit und beispiellose Effizienz (Tausende von Symptomen mit  einer  Grundidee bremsen) daraus erwachsen können. Es wäre ja verboten dumm, diese humanste, armut-, krieg- und migrationshemmende und umweltrettende letzte Chance der Menschheit nicht zu nutzen, um eine Win-win-Situation für alle Seiten zu schaffen.

Bitte unterstützen Sie mit Ihrem Multiplikationseffekt in den Medien diese Idee, dann sind Sie nicht mehr so ohnmächtig, sondern werden die Verzweiflung überwinden und den Silberstreifen am düsteren Horizont garantiert sehen. Ein gutes Gefühl….

Mit freundlichen, hoffnungsvollen Grüssen

Dr. med. Peter Meyer
8142 Uitikon-Waldegg